CONTRA

Nie werde ich begreifen, was an Wilhelm Genazinos Romanen so großartig und so bedeutend wäre, dass sie höchster literarischer Weihen wert sein sollen. 2004 erhielt er sogar den Büchner-Preis. Weit entfernt davon, ihm die Auszeichnung zu missgönnen, frage ich mich, was Kritiker und Leser von Literatur im idealen Fall erwarten. Die humorvoll nachsichtige Verdopplung jener banalen Alltäglichkeit, die uns mittelmäßig betuchte Bewohner Mitteleuropas umgibt, sie kann doch nicht alles sein. Der hoch entwickelte Sinn fürs Peinliche und Komische, er ist aller Ehren wert, aber doch nicht abendfüllend. Und diese mittelalten Herren in ihren Zweizimmerwohnungen mit gelegentlichem Damenbesuch, sie sind wirklich nicht so interessant, dass wir ihnen buchaus, buchein wiederbegegnen wollten.

Wir kennen diese pausenlos sich selbst befragenden Gestalten seit den Abschaffel-Romanen, die Genazino vor dreißig Jahren bekannt gemacht haben und deren gleichnamiger Held sich in nichts von seinen Nachfolgern unterscheidet. Allesamt sind sie Flaneure der unauffälligsten Art, die nicht ohne Sentimentalität ihr ziemlich ereignisloses Leben absolvieren und den Leser mit allerlei Beobachtungen und Weisheiten versorgen, die manchmal klug sind und immer furchtbar harmlos.

Schon in seinem Roman Die Kassiererinnen (1998) sagt der Erzähler von sich: »Es freute mich, inmitten von bedeutungslosen Augenblicken zu leben, die rückstandslos von mir durcheilt wurden.« Solche Genügsamkeit wollen wir ihm weder verübeln noch mit ihm teilen. Schon gar nicht, wenn sie die Erotik betrifft. Genazinos Helden haben eine merkwürdige Vorliebe für die Fellatio, die mit einer Sachlichkeit geschildert wird, an der gemessen das Wort Geschlechtsverkehr geradezu romantisch klingt. Die Frau, mit der sich der Erzähler nach dem Kollaps seiner Ehe einlässt, wird so abstoßend beschrieben, dass man ihn für einen Masochisten halten muss. Bei der ersten Begegnung sagt er sich: »Ich rechne sie zu den Frauen, die zwei große Pickel auf dem Rücken haben.«

Ist das komisch? Genazino wird ja immer für seinen Humor gelobt. Er sei der Dichter des komisch Peinlichen und des peinlich Komischen. Nun ist es leider eine Tatsache, dass nichts die Menschen mehr voneinander trennt als der Lachanlass. Ich weiß nicht, ob das abgefallene Ohr ein solcher Anlass sein soll. Für den Erzähler naturgemäß nicht: »Mühsam mache ich mir klar, dass ich seit ein paar Minuten in einer Tragödie lebe. Während der letzten Jahre habe ich immer mal wieder in Tragödien gelebt. Insofern ist das tragische Lebensgefühl für mich nichts Neues. Aber diesmal scheint es sich um eine bösartige Tragödie zu handeln.«

Diese »bösartige Tragödie« (was wäre denn eine gutartige Tragödie?) scheint allerdings das Leben des Erzählers kaum zu tangieren. Wenig später kehrt er nach Hause zurück und hört mit voyeuristischer Lust Beischlafgeräusche aus der Nachbarwohnung: »Das Stöhnen der Frau geht jetzt in ein eigenartiges Rufen über. Wenn ich der Mann der Frau wäre, würde ich mich fragen, was das Rufen bedeutet. Ich bin nicht der Mann der Frau und frage mich trotzdem, was das Rufen bedeutet.« Ich gestehe, dass ich derlei nicht sehr komisch finde, eher trist. Der folgende Satz allerdings gefällt mir, weil er mein Gefühl beim Lesen gut beschreibt: »Nirgendwo ist das Fallgeräusch leerer Sätze so deutlich hörbar wie in einem Großraumbüro am Nachmittag.«