Als Leoluca Orlando mit seiner Frau darüber sprach, ob er es sich wirklich antun sollte, noch einmal zu kandidieren, da sagte sie nur: "Egal, was du machst, du bleibst Palermos Bürgermeister. Du kannst vielleicht Palermos Witwer sein – aber du und die Stadt, ihr gehört zusammen." Seither spielen sich in Palermo die Szenen einer Ehe ab.

"Auch ich war Palermos Frühling verfallen", sagt eine Frau seufzend, "aber Sie haben die Stadt leer zurückgelassen." Und ein Mann sagt: "Wir hatten Träume, aber Sie haben die Führungsklasse Palermos nicht verändert." Im Refektorium des Klosters von San Francesco D’Assisi haben sich Unternehmer versammelt, um mit Leoluca Orlando über die Zukunft der Stadt zu sprechen. Es sind linksliberale Unternehmer, deren politische Einstellung sich nicht nur an den Kreppsohlen, Cordhosen und Wollpullovern ablesen lässt, sondern auch an den Liebeserklärungen, die Orlando gemacht werden: Es sind Liebeserklärungen, die beleidigt klingen – wie die einer Frau, die sich plötzlich in Gegenwart ihres Exmannes wiederfindet.

Leoluca Orlando sitzt im Trenchcoat auf dem kleinen Podium und wippt ungeduldig mit dem rechten Fuß. Frühling, Frühling, er kann es nicht mehr hören. Wenn schon Jahreszeiten, dann steht jetzt der Sommer von Palermo bevor. "Sie haben damals die Stadt auf links gedreht wie einen Strumpf. Das müssen Sie wieder tun", sagt ein Mann, und Orlando bemüht sich, das Kompliment ungerührt entgegenzunehmen. Auf seinen Knien balanciert er einen Stapel von Papieren in Klarsichthüllen. Sein schwarzes Haar ist von grauen Strähnen durchzogen. Er ist jetzt 60 Jahre alt. Er ist Ex-Jesuitenschüler, Ex-Christdemokrat, Ex-Bürgermeister und Ex-Oppositionsführer des sizilianischen Parlaments. Er weiß, dass die Karriere eines Politikers immer an ihrem Ende bemessen wird. Und er wollte nicht als derjenige in die Geschichte eingehen, der Palermo der Mafia überlassen hat.

Seit Sonntag ist Leoluca Orlando offiziell Bürgermeisterkandidat des Mitte-links-Bündnisses in Palermo. In den Vorwahlen hat er sich gegen zwei Gegner aus dem eigenen Lager durchgesetzt. Sollte es ihm im Juni gelingen, den amtierenden Forza-Italia-Bürgermeister Diego Cammarata zu besiegen, dann wäre Leoluca Orlando zum vierten Mal Bürgermeister von Palermo.

Seine alte Weggefährtin, die Fotografin Letizia Battaglia, stellt fest: "Orlando ist der Einzige, der die Stadt wieder zum Träumen bringen kann. Er ist ein Außenseiter, ein Aristokrat." Manche in Palermo sagen: ein Sonnenkönig. In der Tat war Orlando stets sein eigenes Programm.

Anders als in Deutschland ist er in Italien kein Star, sondern ein Außenseiter des italienischen Parlaments. Er wurde aus der linksdemokratischen Margherita-Partei geworfen, weil er nicht deren Parteikandidaten, sondern Rita Borsellino unterstützte, die Schwester des ermordeten Staatsanwalts und jetzige Oppositionsführerin des sizilianischen Parlaments. Heute ist Orlando Sprecher der kleinen Partei "Italien der Werte", und er ist Vorsitzender der parlamentarischen Kommission für regionale Fragen. Aber er taucht in keiner Talkshow auf, in keinem Radiointerview, auf keiner Podiumsdiskussion. Die Rechten ertragen ihn nicht, und den Linken ist er zu eitel. Bis zu seiner Wiederwahl als Bürgermeisterkandidat war es still um ihn geworden. So still, dass man ihn bereits als "politischen Emigranten" bezeichnete – weil die Italiener mit Verwunderung feststellten, dass Orlando in Deutschland gefeiert und mit Preisen und Ehrendoktorwürden überhäuft wird, dass man sich seine Bücher aus den Händen reißt und ihn gar als Mafiajäger bezeichnet. Und das, obwohl es ihm keineswegs gelang, den Charakter seiner Heimatstadt Palermo zu verändern.