Ein Büro in Kreuzberg, ordentlich, nüchtern, ein kleiner Schreibtisch am Fenster, ein dunkelblaues Sofa, ein Glastisch, an der Wand MDF-Regale mit Büchern und Schallplatten, fast schon pingelig sortiert. Christian Petzold, freundlich, müde gerötete Augen, sitzt in seinem Arbeitszimmer und denkt nach.

Wenn man es jetzt ganz dunkel machte, vielleicht sähe man dann kleine Funken über seinem Kopf. Die Reibungsenergie seiner Assoziationsströme ist enorm. Von Kim Novaks Hinterkopf in Vertigo zu Brückenkonstruktionen des 19. Jahrhunderts. Von Halloween zu Ozu, von Marnie zu dem Hotel in Lost in Translation . Unendlich liebevoll streift Petzold durch das Kino, seine Geschichten und Mythologien und wird noch in seinen schrulligsten Ecken etwas zutage fördern, was unter seiner Deutungslust zu strahlen beginnt. So ähnlich muss es auch bei den Proben zu seinem jüngsten Film Yella zugegangen sein.

Yella , der Titel leitet sich aus dem englischen to yell und einer Reminiszenz an die Hauptdarstellerin Yella Rottländer in Wenders Alice in den Städten ab, ist nach seinem Vorgänger Gespenster der zweite Petzold-Film, der es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat.

Mit einem Zug reist man hinein in diese letzte von drei Gespenstergeschichten (Die innere Sicherheit, Gespenster), hinein in diese gruselig verwaiste Region im Osten. Es ist eine Anreise wie bei Nosferatu , eine Passage in eine flirrende Welt zwischen Träumen und Wachen, Sehnsucht und Erlösung. Man treibt mit Yella (Nina Hoss) zwischen Wittenberge und Hannover. Von einem alten Leben mit einer verunglückten Ehe, von deren Verletzungen man nur in Andeutungen erfährt, zu einer neuen Existenz als erfolgreiche Assistentin in einer Risikokapitalgesellschaft. Und wenn Yella in einer Tempo-30-Zone in Hannover zuschaut, wie ein Geschäftsmann in der Garagenauffahrt liebevoll von seiner Frau begrüßt wird, während das Kind im Haus Querflöte übt, weiß man, welchen Traum sie leben will.

Am Anfang der Arbeit an Yella , noch vor dem Drehbuch, vor der Besetzung, stand das Bild einer driftenden Frau. Zwischen Gesellschaft, extremer Vereinzelung und einer Gegenwart, die wie so oft in den Filmen des 46-jährigen Wahlberliners von der Vergangenheit fest umklammert ist. Eine Frau wie die verlorene Heldin in Carnival of Souls (1962) von Herk Harvey, einem B-Movie, das von seiner Fangemeinde kultisch verehrt wird und das vor Jahren auch Petzold beeindruckt hat. Auch so eine Geschichte von den Schlupflöchern des Irrealen im Wirklichen, von den Scharnieren, in denen das normale Leben in eine Parallelwelt umklappt.

"Ich kann Filme nur denken, wenn ich die Orte, an denen sie spielen sollen, wirklich kenne", sagt Petzold. "Den Ort Wittenberge habe ich bei den Dreharbeiten zu Toter Mann kennengelernt. Das war im klassischen Sinne ein Industrieort des 19. Jahrhunderts. Mit Fabriken, die alle dort ernährten. Durch Elbe und Schiene war es auch ein Knotenpunkt. Die Abwicklung der DDR hat Wittenberge im Mark getroffen. Die Nähmaschinenfabrik Veritas , früher Singer , wurde dichtgemacht. Ganz Nordvietnam hat mit deren Maschinen genäht. Heute gibt es gar keine Arbeit mehr. Die Stadt lebt von Subventionen, das heißt, sie lebt eigentlich nicht mehr, sie existiert nur noch."

Darum ging es auch in den Proben, die bei Petzold immer eher einem Arbeitskreis ähneln als einer Regiearbeit im klassischen Sinne, um den Ort, seine Geschichte, seine Architektur. Der Germanist, der sich in seiner Abschlussarbeit Rolf Dieter Brinkmann widmete, zeigt den Schauspielern Fotos, Bücher, Comics, die ihn beschäftigt haben, spielt ihnen die Musik vor, die er beim Schreiben gehört hat. Biografien, fiktive Lebensläufe der einzelnen Figuren legt er ihnen nicht vor.

"Ich sage nicht, da gibt es den Doktor Medicus, Gynäkologe, der noch ein Jahr zu leben hat", lacht er und zerschneidet mit der Handkante die Luft. "Mit so etwas sind die Schauspieler unheimlich limitiert. Erst beim Arbeiten in der Szene beschäftigt man sich detaillierter mit den Figuren, überlegt, was für Pläne sie haben, was sie erwarten. Bis dahin sind sie eigentlich nur angefüllt mit Ort."