Man findet uns überall. Auf jeder Stempelstelle, in jeder Fabrik, in jedem Hörsaal, in allen Jugendbünden, in den Wehrverbänden, in der SA. und SS., in Reichswehr und Marine sind wir. Wir sind die, die man haßt, weil sie sind, und die man fürchtet, weil sie kämpfen. Wir bedrohen den Weltfrieden, solange wir sind. Wir sind die stete Gefahr für die Welt der satten Bürgerlichkeit, der Geldgier und der Machtsucht. Nur weil wir sind, ist Deutschland noch. Wir Unbekannten und Ungenannten sind das unheimliche Deutschland. Man hat uns entrechtet und enterbt. Aber ein kostbares Kleinod, das konnte uns keiner entreißen, das haben wir noch! Das ist unser herrisches, adeliges Blut. Es hat in unseren Vätern gepulst, und unsere Enkel werden es weiter tragen. Es ist an der Weser geflossen und hat die Aller gefärbt, die weiten Steppen Rußlands haben es gierig geschluckt, und in Flandern hat es die Gräben gefüllt. Die Scholle, die man uns genommen, hat unser Blut benetzt und hat sie fruchtbar gemacht. Der Boden, auf dem wir stehen und der unser Blut getrunken, Jahrhundert um Jahrhundert, ist Deutschland."

So schreibt 1933 ein 22-jähriger Theologiestudent in seiner Bekenntnisschrift Kirche und Reich im Ringen der jungen Generation, mit der er seine Abkehr vom christlichen Glauben ankündigt. Geboren 1911 in Nürnberg als Sohn eines Werkmeisters, nach Schule und Abitur Student der Theologie und Germanistik in Erlangen und Greifswald (wo er 1936 über ein volkskundliches Thema promoviert wird), gehört Matthäus Ziegler einer Generation an, deren Weltbild entscheidend von Kriegs- und Weimarer Nachkriegszeit geprägt ist. Bereits als Schüler hat er sich dem Jugendbund "Adler und Falken" angeschlossen und das einschlägige völkische Vokabular aufgesogen.

Zieglers dröhnende Broschüre ist Konversionsbekenntnis und rechtfertigt seine inneren Wandlungen zum völkisch-nordischen Germanenglauben. Die jüdisch-christliche Tradition des "Orientalen" und die ganz andere "Gottschau" sowie das andere Sittlichkeitsgefühl des "nordischen Menschen" stünden einander diametral und unversöhnlich gegenüber. Es gelte, sich von der Überfremdung durch die "artfremde" orientalische Religion zu befreien.

Ziegler, SA- und NSDAP-Mitglied seit 1931, kehrt im Spätsommer 1933 von Auslandsaufenthalten zurück und wohnt fortan in Potsdam - im selben Jahr noch tritt er in die SS ein. Kirche und Reich verschickt er gleich an diverse Naziführer. Bei der großen Neuverteilung der Posten will der Student dabei sein. Zunächst beauftragt ihn Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister Richard Walther Darré mit dem Aufbau einer "Abteilung nordisch-skandinavisches Bauerntum in Vergangenheit und Gegenwart". Anlässlich einer Führung durch die von Ziegler geleitete Sonderausstellung Bäuerliche Kultur auf der Berliner Grünen Woche lernt er im Januar 1934 Alfred Rosenberg kennen. Der nationalsozialistische Chefideologe ist offenbar beeindruckt von dem kenntnisreichen jungen Mann - Ziegler wird Mitarbeiter im Amt Rosenberg und Schriftleiter der von Rosenberg herausgegebenen Nationalsozialistischen Monatshefte (NMH).

Mit Heydrich übt er Zielschießen im Hof des Sicherheitshauptamtes

Der Weltanschauungskampf gegen die Kirchen gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Amtes. Der "alte Glaube" soll zurückgedrängt und Raum für den "neuen Glauben" geschaffen werden, dessen Konturen freilich noch sehr nebulös sind. Der orientalisch-jüdisch-christliche Glaube sei im Seelenkampf zu überwinden, damit der "arteigene Glaube" der arischen Rasse, den Rosenberg in seinem Mythus des 20. Jahrhunderts (1930) propagiert, Platz greifen könne. Hier ist Matthäus Ziegler, der sich seit 1933 Matthes nennt, am rechten Platz - er wird auf diesem Gebiet Rosenbergs eifrigster Zuarbeiter und Lautsprecher.