Von außen macht das Philanthropin im Frankfurter Nordend einen martialischen Eindruck. Kameraaugen an hohen Stahlmasten haben alles im Blick, was sich vor dem Gebäude bewegt. Die Fensterscheiben zur Straße hin sind aus grünlich schimmerndem Panzerglas. Polizisten mit Hunden patrouillieren auf dem Bürgersteig. Junge, durchtrainierte Männer unterziehen jeden, der Einlass begehrt, einer strengen Leibesvisitation. Wer die Sicherheitsschleuse hinter sich gelassen hat, steht schließlich in einem ganz normalen Schulgebäude. Kinder mit dicken Schulranzen stürmen die Treppe hinauf, Lehrer eilen zum Unterricht. Ganz neu ist hier alles. Der übliche Schulmief hat sich noch nicht festgesetzt in den hellen Korridoren und Klassenzimmern.

Ein gewöhnlicher Freitagmorgen in einer jüdischen Schule in Deutschland. Für den äußeren Schutz ist die Polizei zuständig. Drinnen sorgt ein Sicherheitsdienst der Gemeinde für Ordnung. "Wir haben keine Angst. Wir fühlen uns hier sehr gut aufgehoben, aber wir müssen uns schützen vor Kriminellen", sagt Alexa Brum, Direktorin der I.E. Lichtigfeld-Schule im Philanthropin. Eigentlich will die agile Frau lieber von ihren Schülerinnen und Schülern sprechen, die im Philanthropin, ganz im Geiste der jüdischen Aufklärung, zu gleichermaßen traditions- wie selbstbewussten Juden und toleranten Bürgern eines demokratischen Staates herangezogen werden sollen. "Als Minderheit sind wir, unabhängig von der eigenen Religiosität, verpflichtet, das Judentum weiterleben zu lassen", sagt Alexa Brum.

Für die 5b hat gerade eine Hebräischstunde begonnen. Am Türpfosten klebt die traditionelle Mesusa, eine kleine Schriftkapsel mit Worten der Thora. Die kehligen Laute des Neuhebräischen, der Lingua franca der jüdischen Weltgemeinschaft, kommen den Kindern, deren Eltern oft aus aller Herren Länder stammen, schon recht flüssig über die Lippen. Auf einer Schultafel an der Wand prangt das krakelige Kreidebild einer Menora. Der siebenarmige Leuchter ist eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums und Bestandteil des israelischen Staatswappens.

Fröhlich und lebhaft ist der Sprachunterricht, aber hoch konzentriert. Die Hebräischlehrerin Nili Kranz lässt die Kinder das Gedicht einer jüdischen Lyrikerin aus dem Hebräischen übersetzen. "Jeder Mensch hat einen Namen", lautet die erste Zeile. Sie will sagen: Jeder Mensch ist anders und unverwechselbar und nicht Teil einer anonymen Masse. Die Verse sind mit einem Foto unterlegt, das eine Szene aus einem NS-Konzentrationslager zeigt. Die Schoah, der Genozid an den Juden, "ist unser Lebenshintergrund", sagt Alexa Brum. Jede Schülerin und jeder Schüler müsse sich damit auseinandersetzen.

Bis zu seiner Schließung durch die Nazis im Jahr 1942 war das Philanthropin mit bis zu 1000 Schülern die größte jüdische Schule in Deutschland und eine der ältesten. Das Gymnasium ging hervor aus einer 1804 gegründeten Erziehungsanstalt für arme jüdische Kinder – daher der Name, der übersetzt "Stätte der Menschlichkeit" heißt. 1908 wurde das heutige prächtige Schulhaus gebaut. Im Zweiten Weltkrieg diente die Schule als Lazarett, zuletzt hatte die Stadt Frankfurt hier eine Bürgerbegegnungsstätte und das Hochsche Konservatorium untergebracht. 2004 wurde das Philanthropin der Jüdischen Gemeinde zurückgegeben und im Oktober vergangenen Jahres als Mittelstufengymnasium wiedereröffnet. Die Schule ist benannt nach dem hessischen Landesrabbiner und Frankfurter Gemeinderabbiner Isaak Emil Lichtigfeld, der 1966 in Frankfurt am Main die erste jüdische Grundschule in Deutschland nach dem Holocaust ins Leben gerufen hatte.

In Frankfurt gilt das Philanthropin als Eliteschule, längst auch unter nichtjüdischen Eltern. 400 Mädchen und Jungen besuchen diese Schule. Ein Drittel davon sind keine Juden. "Jeden Tag rufen bei uns mindestens fünf nichtjüdische Interessenten an, um sich nach freien Plätzen zu erkundigen", sagt die Sekretärin. Die Warteliste ist lang; es gibt viermal so viele Bewerber wie freie Plätze. Natürlich werden die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde bevorzugt behandelt. Sie bezahlen für das erste Kind monatlich 260 Euro Schulgeld. Nichtjuden bezahlen 100 Euro mehr, was offenbar wenig abschreckend wirkt. Viele nichtjüdische Eltern, sagt Tamara Fischmann vom Elternbeirat, schätzten neben der hohen Qualität des Unterrichts auch andere Vorzüge der jüdischen Konfessionsschule: Vermittlung von Werten, kleine Klassen, eine besondere Förderung hochbegabter Kinder, wenig Unterrichtsausfall, Ganztagsbetreuung mit (koscherer) Verpflegung und ein besonders sicheres Umfeld. Die Teilnahme an den judaistischen Fächern ist verbindlich auch für Nichtjuden.

Ähnlich groß wie in Frankfurt ist der Run auf die Jüdische Oberschule in Berlin, die einzige jüdische Schule in Deutschland mit einer gymnasialen Oberstufe. Auch die jüdischen Grundschulen in Berlin, Köln, Düsseldorf und München stehen bei Juden wie Nichtjuden wegen ihrer Qualität und des besonderen Profils hoch im Kurs. Die zaghafte Renaissance jüdischer Schulen in Deutschland ist wohl eines der sichtbarsten Zeichen für ein wiedererwachendes jüdisches Leben nach dem Holocaust – und die Anerkennung der jüdischen Lebensweise durch große Teile der Bevölkerung. Gebremst wird das jüdische Bildungswesen lediglich durch die begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Jüdischen Gemeinden. "Wir unterstützen die Gründung neuer jüdischer Schulen sehr", sagt Jacqueline Hopp, beim Zentralrat der Juden in Deutschland zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. "Helfen können wir aber vor allem in ideeller Weise, weil uns keine finanziellen Mittel zur Verfügung stehen." Wo das Geld nicht reicht, engagieren sich Organisationen wie die US-amerikanische Ronald S. Lauder Foundation, die das jüdische Bildungswesen in aller Welt unterstützt.