Das Fest begann um fünf Uhr am Nachmittag mit einem Klavierstück, das in einer Fußnote in seinem erfolgreichsten Buch erwähnt wird. Und es endete nach 13 Stunden mit einem letzten Fußnotensong aus einem seiner letzten Bücher. Es war das Abschiedsfest eines Mannes, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hatte, als den Fußnoten zu folgen. Und der alles, was er auf diesen Lesereisen fand, in jene postkartengroßen Bändchen mit den bunten Rauten auf dem Einband presste, die sein Merve-Verlag in den vergangenen 37 Jahren herausgebracht hat. Er hat vor allem zeitgenössische französische Philosophen verlegt, Michel Foucault etwa, und zwar Jahre bevor diese Autoren und ihre Themen im deutschen Feuilleton angekommen waren. Er war einer der wenigen, die es sich erlaubten, abseits von Massen und Moden zu lesen, und doch hat er mit dem, was er da entdeckte, so manchen Trend ausgelöst. An diesem Abend im Hebbel-Theater verabschiedete sich mit knapp 70 Jahren der Berliner Verleger Peter Gente von Deutschland.

Das Buch zum Eröffnungs-Klavierstück hatte Gente 1977 verlegt, eine nur 40-seitige Abhandlung. Sie beschrieb das Modell eines wuchernden und zufälligen Gedankenaustauschs aller mit allen. Rhizom hieß das Buch, benannt nach einem Wurzelgeflecht. Geschrieben hatten es der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychoanalytiker Félix Guattari. Nach dem Erscheinen gab es eine einzige Rezension, in der Musikzeitschrift Sounds. Aber die Idee der Franzosen wucherte, ganz ihrem Modell entsprechend, vor sich hin, bis sie es in den kulturellen Mainstream schaffte. Ihre Ankunft dort markierte Ende 1980 ein vierseitiger Artikel im Spiegel. Dort stand: »Mit einem Mal begreift man: Da ist eine Metapher aufgekommen, die dahin passt, wo alternativ gedacht oder, mehr noch, im schönsten Sinne des Wortes gesponnen wird, wo die Phantasie anarchistisch toben und die Logik delirieren darf.« Rhizom verkaufte sich 15000 Mal.

Der Vater, ein ehemaliger Nazi, war Rudi Dutschkes Richter

Peter Gente sitzt im Verlag in der Crellestraße in Berlin-Kreuzberg.

Hier hat er die letzten Jahrzehnte gearbeitet und gelebt, in einer ehemaligen Fabriketage. Der Schlafbereich ist durch vier Stuhllehnen abgegrenzt, der Rest sind Bücher, Bücher, Bücher. Gente trägt ein Brillengestell wie Helmut Kohl, eine graue Jacke wie Kim Il Sung, die Haare wie David Lynch, und im Gesicht hat er tiefe Furchen wie Mick Jagger. Peter Gente sieht so aus, wie er denkt, er ist selbst ein Mix aus zufälligen, nebeneinander existierenden Stilen und Gedanken. Das Modell von Deleuze und Guattari ist für ihn zu so etwas wie seinem persönlichen Zugang zum Leben geworden.

Peter Gente wurde 1936 in Halberstadt geboren, einer Kleinstadt in der Mitte Deutschlands. Sein Vater war Richter und Mitglied der NSDAP, das Elternhaus seiner Mutter, sagt er, sei antisemitisch gewesen. Die Mutter machte nach dem Krieg den Juden Adorno für das Auseinanderfallen der Familie verantwortlich, denn Peter Gente hatte in Berlin, wohin die Familie gezogen war, den Philosophen zu lesen begonnen und nicht, wie die Eltern es sich erhofft hatten, juristische Fachzeitschriften. Der Vater arbeitete auch nach dem Krieg als Richter weiter. 1968 hatte er über die Studenten Fritz Teufel und Rudi Dutschke zu urteilen, Bekannte seines Sohnes.

Gente war jedoch anders als seine Freunde. Er war ein Einzelgänger, zu verklemmt und zu schüchtern, um sich in der Universität zu Wort zu melden. Das Buch von Adorno, das er wie eine Bibel mit sich herumtrug, hieß Minima Moralia, eine Aphorismensammlung über das Leben, die Eltern, die Ironie und den Faschismus. Der Untertitel Reflexionen aus dem beschädigten Leben traf Gentes Lebensgefühl. Und so begab er sich mit der Minima Moralia auf die Suche nach einer Lehre vom richtigen Leben. Seine Merve-Bücher sind die Dokumente dieser Suche.