Derricks Alter Ego – Seite 1

Er sah nicht mehr gut, und er brauchte ein Hörgerät, doch beides störte ihn nicht. "Wirklich schlimm sind aber die Depressionsschübe", sagte Herbert Reinecker an diesem Nachmittag vor fünf Jahren in seinem Haus am Starnberger See, "sie rauben mir den Schlaf. Und wenn ich nachts mal zur Ruhe komme, dann träume ich vom Krieg, nur noch vom Krieg."

Herbert Reinecker, geboren am 24. Dezember 1914, war einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren des deutschen Unterhaltungsfernsehens. Er erfand Serien wie den Kommissar und Jakob und Adele, und er schrieb einige Folgen des Traumschiffs. Vor allem prägte er die Figur des Oberinspektors Stephan Derrick. Von 1974 an ermittelte Derrick mit seinem Assistenten Harry Klein im München der Reichen und Schönen, immer auf der Spur des Schreckens hinter den schweren Vorhängen der Grünwalder Villen.

Doch an diesem Nachmittag vor fünf Jahren, im großen Bungalow Reineckers am Starnberger See, wurde bereits nach wenigen Minuten deutlich, dass Derrick immer nur in diesem Haus gespielt hat, das die Reineckers seit 1964 bewohnten. Es war, als betrete man mit Hilfe eines Zaubertricks eine Welt, von der man dachte, sie existiere nur im Fernsehen. Ich saß auf einem schwarzen Ledersofa an einem Glastisch und hörte – nichts. Unter dem Glastisch lagen Bücher von Nietzsche. Gelegentlich ging eine Tür irgendwo im Haus. Ich dachte: Gleich steht Harry im Zimmer.

Das Thema unseres Gesprächs war die Vergangenheit von Herbert Reinecker, die Zeit vor den Drehbüchern, die Zeit vor 1945 und wie er nach 1945 damit umgegangen ist. Geboren im westfälischen Hagen, schreibt der Schüler Herbert eine Kurzgeschichte, die von einem lokalen Pressedienst veröffentlicht und mit 30 Reichsmark honoriert wird. Die Mutter ist stolz, der Junge verdient mit Schreiben Geld! Eines Tages bekommt er ein folgenreiches Angebot. Einer aus der örtlichen Hitlerjugend fragt, ob er nicht in Münster eine Jugendzeitschrift für die HJ machen wolle. Herbert will, wird Journalist und macht Karriere. Bald ist er in Berlin Redakteur der Zeitschrift Jungvolk und schreibt Sätze wie "Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu". Später wird er Kriegsberichterstatter in der Waffen-SS, ist einer der Autoren des Buchs Panzer nach vorn! Panzermänner erzählen vom Feldzug nach Polen . 1942 übernimmt er die Leitung der HJ-Zeitung Junge Welt . Noch im Dezember 1944 schreibt er im Völkischen Beobachter einen Artikel mit der Überschrift Der Führerglaube der jungen Soldaten. Herbert Reinecker war Schreibtischtäter, überzeugter Nationalsozialist.

"Sie wollen jetzt gleich wissen, ob ich es gewusst habe." Das war sein erster Satz, nachdem wir uns gesetzt hatten. Ob er "es" gewusst hat. In seiner Autobiografie Ein Zeitbericht unter Zuhilfenahme des eigenen Lebenslaufs schreibt er: "Ich wurde hineingeboren in bescheidene Verhältnisse, zufällig in Deutschland, zufällig im Ruhrgebiet und zufällig in eine Zeit, die ich mir nicht ausgesucht habe. Nichts habe ich mir ausgesucht, die Verhältnisse nicht, das Land nicht, die Zeit nicht." So klang Herbert Reinecker, wenn er über sich schrieb und sprach: Er verteidigte sich.

Er lebte in den dreißiger Jahren in Berlin. Was hat er von der Judenverfolgung mitbekommen? "Ich habe keine Synagoge brennen sehen, keine Glasscherben auf der Straße, weil ich nicht am Ort der Ereignisse war, und dies war durchaus zufällig." Ein Journalist in der Reichshauptstadt, der nichts mitbekommen hat?

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Reinecker sagte eine Weile nichts. Mitten in die Stille hinein erzählte er eine Geschichte, die ihm 1934 passiert war, als 19-Jährigem, gerade war er in Berlin angekommen. Er wohnte bei einem Kriegskameraden seines Vaters, aber er suchte ein eigenes Zimmer. Einmal stellte er sich bei einem Vermieter vor, der ihn gleich korrigierte, nein, er wolle nicht ein Zimmer vermieten, sondern die ganze Wohnung. Er verlasse nämlich Deutschland. Reinecker erzählte, wie er sich gewundert habe: "Merkwürdig – einer will Deutschland verlassen." Die beiden kamen ins Gespräch, und der Vermieter fragte, ob Reinecker nicht am Abend in den Groschenkeller in die Kantstraße kommen wolle. Er würde sich gerne mit ihm unterhalten. Reinecker sagte zu.

Als er später am Tag dem Kriegskameraden seines Vaters davon erzählte, sagte der: "Du bist an einen Juden geraten. Die wollen natürlich alle weg." Herbert Reinecker ist an jenem Abend nicht in den Groschenkeller gegangen. Er wollte sich seine Karriere nicht kaputt machen lassen. Er ahnte wohl, dass dieser Abend eine Wende bedeuten könnte.

Herbert Reinecker hat sein Leben lang über den Verfall der Sitten geschimpft, über den Werteverlust. Man hört so etwas gelegentlich von älteren Menschen, und vielleicht drücken sie mit diesen Sätzen eher Trauer darüber aus, dass die Welt, in der sie groß geworden sind, im Verschwinden begriffen ist. "Wir sind in einer Sturzbewegung", sagte Herbert Reinecker. Seine leeren Augen konnten mich nicht fixieren. "Die Welt gibt vor, zivilisiert zu sein, aber ist sie das auch in ihrem Innern?" Immer wieder hat er erzählt, dass er seinen Oberinspektor an die Abgründe der modernen Gesellschaft führe, um seiner Verzweiflung über all die Verbrechen Ausdruck zu verleihen. Vielleicht stimmt das.

Vielleicht aber wurde Derricks Leben von einem ganz anderen Motiv bestimmt. Der Autor und seine Figur waren etwa gleich alt, wahrscheinlich war also auch der Oberinspektor im Krieg gewesen. Die Vermutung liegt nahe, dass Derricks Skepsis, ob der Mensch dauerhaft zum Guten fähig ist, daher rührt – wie bei seinem Erfinder. Derricks leerer Blick, seine Ruhe, das hat etwas zutiefst Lebloses an sich. Hat da einer seine Gefühle an der Front des Zweiten Weltkriegs verloren? Reinecker hat das "Prinzip Derrick" einmal so erklärt: "Ordnung zu schaffen, Störung derselben zu verfolgen, dabei aber Verständnis zu zeigen für die Irrläufer und diese in die Gesellschaft zurückzuholen." Das regte manche junge Linke in den Siebzigern und Achtzigern auf, sie verstanden das als Kritik an der Jugend. Man kann es aber auch als Selbstkritik eines Irrläufers sehen, der jahrzehntelang vergeblich versucht hat, in die Gesellschaft zurückzukehren. Herbert Reinecker sagte: "Ich habe seit 1945 nie mehr ein Zuhause gefunden."

Zum Abschied gab er mir ein paar mit Schreibmaschine beschriebene Seiten mit. "Lesen Sie das", sagte er, "die Begebenheit ist mir kürzlich wieder eingefallen. Ich musste sie noch aufschreiben."

Eine Begegnung Reineckers mit dem Regisseur Robert Siodmak wird auf den Seiten beschrieben, einem Berliner Juden, der vor den Nazis fliehen musste. In der Nachkriegszeit wollten beide gemeinsam an einem Film arbeiten, doch Siodmak zweifelte an Reineckers Integrität. Er sagte: "Ich wundere mich immer noch, dass man damals nicht begriff, dass die Juden die besten Berliner waren. Als man sie hinauswarf, gab es Berliner jüdischen Glaubens, die Berliner Straßenschilder mitnahmen. Warst du mal im Twentyone Club in New York? Da hängt hinter der Bar an der Wand das große Straßenschild ›Unter den Linden‹."

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Reinecker und Siodmak treffen sich in Ascona und lernen sich langsam besser kennen. Eines Tages besuchen sie das Lokal Batello, das Siodmak an das berühmte Romanische Café in Berlin erinnert. "Das Batello ist nur eine Erinnerung an das Romanische Café", sagt Siodmak, "aber das Einzige, was vielen Menschen bleibt, ist die Erinnerung." Er sieht Reinecker an und fügt hinzu: "Wir alle wissen voneinander, und alles, was wir wissen, hat einen dunklen Kern." Der Autor Reinecker ergänzte, 50 Jahre danach: "Den dunklen Kern unserer Geschichte."

Herbert Reinecker hat Glück gehabt nach Kriegsende. Obwohl er in der Waffen-SS war, wurde er nie verurteilt. Zunächst tauchte er in der Provinz unter, schrieb für die Feuilletons einiger Zeitungen, dann wechselte er zum Fernsehen. Sein größter Erfolg, die Fernsehserie Derrick, wurde in über hundert Länder verkauft. In Deutschland sahen knapp zehn Millionen Menschen freitags dem Oberinspektor zu. Richard von Weizsäcker sagte einmal, Stephan Derrick habe das Bild der Deutschen im Ausland "am besten repräsentiert". Doch von Mitte der neunziger Jahre an sank die Einschaltquote. Eine Analyse von 1996 ergab, dass 70 Prozent der Derrick- Zuschauer älter als 70 Jahre waren. Die letzte Folge wurde 1998 ausgestrahlt, im selben Jahr wurde zum ersten Mal ein Nachkriegskind Bundeskanzler: Gerhard Schröder.

Herbert Reinecker ist, wie erst vorige Woche bekannt wurde, am 27. Januar in seinem Haus in Berg am Starnberger See gestorben.

Aus dem Archiv
Herbert Reinecker erlebt seinen zweiten schriftstellerischen Frühling - Mit 87 Jahren (DIE ZEIT 33/2001) "