Der letztes Jahr in Dänemark und jetzt bei uns erschienene neue Roman von Peter Høeg ist auch hier zumeist verrissen worden, wie vorher schon von den dänischen Rezensenten. Dennoch hat das Buch rasch die Bestsellerliste erklommen. Nun ist es immerhin möglich, dass die Kritiker allesamt irren. Die Literaturgeschichte kennt nicht wenige Beispiele dafür. Sicher ist aber, dass das Umschlagbild des Romans Das stille Mädchen alle Augen auf sich zieht, vielleicht sogar die eigentliche Ursache seines Erfolgs ist.

Das Mädchen blickt frontal auf den Betrachter, und diesem Blick kann er sich kaum entziehen. Denn so schön das Gesicht auch ist – die hohe Stirn, der kleine, sinnliche Mund, die frischen, vollen Wangen –, es wirkt ausgesprochen finster, wenn nicht bedrohlich. Die großen dunklen Augen schauen durch den Betrachter hindurch, sie sind abweisend und zugleich wie abwesend. Es ist, als hätte sich das Kind entschlossen, sein Geheimnis niemals preiszugeben. Zu den "unschuldigen Kindern", von denen formelhaft geredet wird, gehört es sicherlich nicht.

Dieses neunjährige Mädchen, so schreibt seine Malerin Marie Bashkirtseff 1882 in ihr Tagebuch, sei "sehr hübsch und sehr unsympathisch" gewesen. Das Gemälde zählt zu jenen Bildern, mit denen sie damals in Paris Aufmerksamkeit errang, und es ist gut möglich, dass aus ihr eine große Malerin geworden wäre, wäre sie nicht im Alter von 25 Jahren an Schwindsucht gestorben. Maria Konstantinowna Baschkirzewa (so ihr ursprünglicher Name) entstammte einer adligen Familie aus der Ukraine und verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Nizza und Paris. Ihr Tagebuch erlangte bald nach ihrem Tod Berühmtheit. Es verriet eine hohe, frühreife Intelligenz, eine heftige Sinnlichkeit und Lebenslust. Sie brannte nach Ruhm und Erfolg, und sie rebellierte gegen die Rolle der Frau. "Ich weiß, dass ich jemand werden könnte, aber mit Röcken, wohin soll man da gelangen?", schrieb sie 1878. Und im zarten Alter von 16 Jahren notierte sie: "Mein Körper ist von großer Schönheit, mein Gesicht von annehmbarer, und ich besitze genug Kenntnisse, um zu wissen, wie viele mir noch fehlen. Ich bestehe nur aus Ehrgeiz. Das reicht aus, um ins Nichts abzustürzen oder in den Himmel emporzusteigen."

Heute ist Marie Bashkirtseff fast vergessen. Das Bild, das der Grafiker Peter-Andreas Hassiepen für den Hanser Verlag gefunden hat, erinnert uns an sie. Und es erinnert uns daran, dass Bücher nicht nur aus ihrem Text bestehen. Unsere Leseerlebnisse sind oft mit einem ganz bestimmten Umschlagbild verbunden. Jeder Leser hat solche Bilder im Kopf, er sieht Tom Sawyer, Anna Karenina und Oliver Twist ganz deutlich vor sich, weil sich ihm irgendeine Illustration aus der Leihbücherei eingeprägt hat. Welche Zukunft auch immer dem Roman von Peter Høeg beschieden sein mag: Wir wissen nun, wie das stille Mädchen aussieht. Ulrich Greiner

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