Der liebenswerte Singsang
Christine Westermann, Moderatorin BILD

Ich wäre eine glänzende Kandidatin für Wetten, dass ...?, denn unter 100 Leuten, die etwas auf Hochdeutsch sagen, würde ich mit Sicherheit den einen Mannheimer raushören – und zwar nach einem Satz. Viele Leute finden es ja geradezu schrecklich, aus Mannheim zu kommen, vor allem wegen des Dialekts. Ich finde diesen typischen Mannheimer Singsang absolut liebenswert. Sobald ich mit meinen Schwestern telefoniere, rutsche ich da unweigerlich rein. Als wir neulich Joy Fleming als Gast bei Zimmer frei hatten, musste ich mich arg zusammenreißen, um noch sendefähiges Deutsch zu sprechen.
»Schön oder nicht schön« – das ist für mich nicht die Frage bei Mannheim. Es gibt viele schöne Ecken – den Wasserturm, das Rheinufer –, aber entscheidend sind doch die Menschen, oder? Was ich an den Mannheimern so schätze, ist ihre freundliche Offenheit, ihre geerdete, direkte Art. Es entsteht schnell Nähe zu ihnen, ohne dass sie anbiedernd wären. Wenn ich in der Stadt bin und mir dieser Dialekt volle Kanne entgegenkommt, geht mir das Herz auf. Ich empfehle jedem Mannheimreisenden, sich auf die Leute einzulassen.
Ich werde dieses Jahr eine große Mannheim-Revival-Tour unternehmen. Mit meinen alten Schulkameraden feiere ich nämlich 40-jähriges Abi-Jubiläum. Ich werde ein bisschen durch meine alten Straßen in Lindenhof und Feudenheim spazieren – und ins Quadrat M4, Nr. 5, wo ich meine erste Wohnung hatte. Am besten zu Fuß und allein und in Erinnerungen schwelgen. Zum Beispiel an einen Spaziergang nach Ludwigshafen über den zugefrorenen Rhein oder an unsere Sommer im Strandbad. Damals konnte man nämlich im Rhein baden, was heute wohl auch wieder möglich ist. Oder an die Pizzeria Milano, die es auch heute noch gibt und in der ich gelernt habe, wie man richtig Spaghetti isst. Und natürlich an das Café Knauer, ein plüschiges Oma-Café, wo ich bei einer Tasse Kakao und Butterbrötchen mit Salz sehr schöne Vormittage lang die Schule geschwänzt habe.
Auch meine journalistische Karriere hat in Mannheim begonnen. Auf meiner ersten Reportage für den Mannheimer Morgen bin ich mit Uniform und Häubchen mit der Heilsarmee durch den Rheinhafen gezogen. Das war noch vor dem Abi, und als der Bericht dann erschien, habe ich ein dickes Lob von meinem Mathelehrer bekommen, obwohl ich so schlecht in Mathe war, dass ich sogar einmal sitzen geblieben bin. Sehr befriedigend! Meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte ich im Rosengarten, dem altehrwürdigen Kongresszentrum. Ich hatte eine ziemlich große Klappe und wollte bei unserem Abi-Ball mal so eben aus dem Stegreif die Abschlussrede halten. Tja, und da stand ich dann vor 600 Leuten auf der Bühne, im weißen Kleid, mit frisch ondulierten Haaren, und hab nur rumgestammelt. Eine totale Blamage. Es wundert mich heute noch, dass ich da keinen Knacks für mein Moderatorenleben davongetragen habe. Aber man ist ja robust als Mannheimerin.

Christine Westermann, 58, Journalistin und Autorin, wuchs in Mannheim auf. Sie moderiert zusammen mit Götz Alsmann die WDR-Show »Zimmer frei«. Sie lebt in Köln