Vor sechzig Jahren, am 25. Februar 1947, ordnete der Alliierte Kontrollrat in Berlin an: »Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört.« Hinter dieser Entscheidung stand die Überzeugung, dass der Ursprung des Nationalsozialismus im Preußentum zu suchen sei und mit dem einen auch das andere ausgelöscht werden müsse. Flötenkonzert Friedrichs II. – Gemälde von Adolph von Menzel (1850/52) BILD

Nimmt man nun das Buch Preußen von Christopher Clark (in England 2006 unter dem Titel Iron Kingdom erschienen) zur Hand, so kann man überhaupt erst ermessen, wie sehr sich das Bild gewandelt hat. Von pauschaler Preußenverdammung ist hier nichts mehr zu spüren; stattdessen herrscht das fast angestrengte Bemühen, dem Hohenzollernstaat Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Natürlich – so stellt der britische Historiker australischer Herkunft einleitend klar – müsse man fragen, wieweit Preußen für die Katastrophen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert haftbar zu machen sei. Doch dürfe der Blick nicht auf 1933, auch nicht auf 1871 verengt werden. »Die Wahrheit ist, dass Preußen ein europäischer Staat war, lange bevor es ein deutscher wurde. Deutschland war nicht die Erfüllung Preußens, sondern sein Verderben.«

Wie erklärt sich, dass Brandenburg, jenes Land rings um Berlin mit seinen sandigen Böden und bescheidenen Ressourcen, zum Kerngebiet eines mächtigen Staates werden konnte? Christopher Clark führt dies vor allem zurück auf die Umsicht der Kurfürsten (seit 1701 Könige) aus dem Hause Hohenzollern, die durch geschickte Pendeldiplomatie und kluge Heiratspolitik ihren Herrschaftsbereich schrittweise ausdehnen und entlegene Gebiete im Westen, am Rhein, wie auch im Osten – das Herzogtum Preußen – erwerben konnten. Der Autor präsentiert den Aufstieg Brandenburg-Preußens zur europäischen Großmacht allerdings nicht als gradlinige Erfolgsgeschichte, sondern als einen widerspruchsvollen Prozess, in dessen Verlauf »sich Phasen frühreifer Stärke mit Phasen gefährlicher Schwäche abwechselten«.

Mehrfach stand das Land am Rande des Abgrunds – so während des Dreißigjährigen Krieges, als marodierende Truppen über den ungeschützten Binnenstaat herfielen und ihn verwüsteten. So während des Siebenjährigen Krieges, als Friedrich II. (»der Große«) einer scheinbar übermächtigen Koalition nur trotzen und das Österreich geraubte Schlesien behalten konnte, weil Russland am Ende aus der Front der Gegner ausscherte – das berühmte »Mirakel des Hauses Brandenburg«. So schließlich 1806, als Napoleon den Preußen bei Jena und Auerstedt eine vernichtende Niederlage beibrachte und den besiegten Staat im anschließenden Frieden von Tilsit auf die Kerngebiete östlich der Elbe reduzierte. All diese Katastrophen hätten, so Clark, »ein bleibendes Gefühl der Verwundbarkeit« hinterlassen, »das die politische Kultur Preußens zutiefst geprägt hat«.

Darauf führt der Autor eines der Hauptcharakteristika Preußens zurück – die Schaffung einer überdimensionierten Streitmacht. 1640, zu Beginn der Regierungszeit des »Großen Kurfürsten«, zählte das brandenburgische Heer 3000 Soldaten; 1786, beim Tode Friedrichs des Großen, war die Zahl auf 195000 gestiegen. Preußen rangierte, was Bevölkerung und Fläche anging, auf Platz dreizehn beziehungsweise zehn in Europa, leistete sich aber die drittgrößte Armee. Es war nicht Mirabeau (wie immer wieder behauptet wird), sondern Georg Heinrich Berenhorst, ein Adjutant Friedrichs, der damals bemerkte, Preußen sei kein Land, das sich eine Armee, sondern eine Armee, die sich ein Land geschaffen habe, »in welchem sie gleichsam nur einquartiert steht«.

Von der Existenz eines militarisierten Staates haben Sozialhistoriker zumeist umstandslos auf die Existenz einer militarisierten Gesellschaft geschlossen. Clark urteilt, was diesen Zusammenhang betrifft, zurückhaltender. Er zeigt, dass die soziale Wirklichkeit auf dem flachen Land im 18. und 19. Jahrhundert vielschichtig war, jedenfalls im Begriff der Untertanengesellschaft nicht aufgeht, und dass sich selbst in den Garnisonsstädten der Einfluss der Militärs in Grenzen hielt.