Eben ist in England und in den USA die Übersetzung von Jörg Friedrichs Der Brand erschienen. Das Buch über die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten löste – wie vor fünf Jahren in der Bundesrepublik – auch in England und in den USA heftige Reaktionen aus. Das liegt nicht an den Fakten, die Friedrich präsentiert. Diese sind längst bekannt und auch in der angelsächsischen Forschung detailliert dargestellt worden. Friedrich provoziert hier wie dort mit seiner zwischen Larmoyanz, Pathos und Kitsch changierenden Sprache und seinen abstrusen Vergleichen zwischen Bombenkrieg und Holocaust.

Die Reaktionen in England verdanken sich aber auch einem Tabu. Die britische Gesellschaft verweigert sich immer noch einer Debatte darüber, ob die Flächenbombardements der Alliierten gegen Deutschland und Japan militärisch notwendig und moralisch gerechtfertigt waren. Der englische Philosoph und Publizist Anthony C. Grayling spitzt dieses Problem zur Frage zu: Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen? – so der Untertitel seines Buches Die toten Städte.

Der Autor begnügt sich nicht mit apologetischen Thesen, sondern wägt Argumente und Gegenargumente sorgfältig gegeneinander ab. Er kommt zum Ergebnis, dass die Flächenbombardements gegen deutsche Städte wie die Atombombenabwürfe in Japan keine Kriegsverbrechen waren, weil es damals keine völkerrechtliche Norm gab, die diese Form der Kriegführung sanktionierte. Es habe sich bei diesen Bombardements jedoch um »Verbrechen im moralischen Sinne« gehandelt, um einen »eklatanten Verstoß gegen das Sittengesetz«.

Indizien dafür liefern die Verantwortlichen selbst. Die beiden Premierminister – Neville Chamberlain und Winston Churchill – wussten, was sie taten. Der erste erklärte 1938: Es »verstößt gegen das Völkerrecht, Zivilpersonen als solche zu bombardieren«. Grayling zeigt, wie dieser Maßstab im Laufe des Krieges durch die »Eigendynamik«, die Arthur Harris’ Bomber Command entfaltete, förmlich aufgerieben wurde. In der Regierung wie in den militärischen Stäben gab es Einwände gegen Flächenbombardements. Kurz vor Kriegsende räumte Churchill ein, »dass wir uns stärker auf militärische Ziele konzentrieren« sollten, etwa auf »Treibstoffwerke und Nachschublinien hinter der Front, statt auf bloße Akte des Terrors und der mutwilligen Zerstörung«.

Mit Akribie und historischer Detailkenntnis entzieht Grayling allen Argumenten, mit denen die Flächenbombardements gerechtfertigt wurden und werden, den Boden. Entgegen der landläufigen Meinung haben die Bombardements den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung ebenso wenig gebrochen wie den der deutschen Frontsoldaten. Rüstungsindustrie und Verkehrsinfrastruktur wurden erst in den letzten Kriegsmonaten entscheidend beschädigt. Was die politische Verantwortung und die moralische Schuld betrifft, kommt erschwerend hinzu, dass die Flächenbombardements in Deutschland intensiviert und der Atomschläge zu einem Zeitpunkt geführt wurden, als der Krieg längst entschieden war. Beide Formen der Kriegführung waren 1944/45 militärisch »unnötig«, »unverhältnismäßig« und »moralisch verwerflich« vor dem Hintergrund der Diskussion über »moralisch statthafte Kriegshandlungen« – das ius in bello (»Recht im Krieg«) – seit Hugo Grotius und Immanuel Kant.

Für Grayling führten die angelsächsischen und sowjetischen Alliierten einen »gerechten Krieg« gegen »verbrecherische Feinde«, aber die Sieger »sanken in einigen wichtigen Aspekten moralisch genauso tief wie ihre Gegner«. Er setzt Alliierte und Achsenmächte damit nicht gleich und will deren Verbrechen auch nicht gegeneinander aufrechnen, sondern eine überfällige und weltweit aktuelle Debatte über erlaubte und verwerfliche Kriegführung anstoßen. Rudolf Walther