Wie kommt ein Jude in den Himmel? Eine "typisch" jüdische Antwort wäre die Gegenfrage: Hat er keine anderen Zores? Ein Christ oder Muslim würde jetzt gequält den gebotenen Ernst anmahnen. Doch wäre die Ironie keine Ausflucht, sondern der Einstieg in eine spezifisch jüdische Eschatologie ("Lehre von den letzten Dingen"). Himmel und Hölle spielen nur eine vage, keine zentrale Rolle.

Wie ist das möglich, fragte da eine katholische Freundin, wie wird dann das sündige Leben bestraft und das gottesfürchtige belohnt, um die Schäfchen bei der Stange des Glaubens zu halten? Das wirft drei neue Schlüsselfragen auf: nach "Sünde", "Gottgefälligkeit" und "Glauben", die weitere Unterschiede zwischen den abrahamitischen Religionen markieren. Und noch eine vierte: nach dem "Dogma".

Sünde und Erlösung: Die Juden haben die Sünde zwar in der Genesis erfunden (siehe "Adam und der Apfel"), aber die "Erbsünde" verneinen sie; diese Doktrin – dass der Mensch von vornherein befleckt sei – muss Paulus zugeschrieben werden. Daraus folgt: keine Erbsünde, keine kollektive Erlösung im christlichen Sinne durch den Kreuzestod. Der Mensch sei ein "ganzheitliches" Wesen, ein Bündel von guten Neigungen und schlechten, aber nicht grundsätzlich bösen.

Die gute Seite ist das Gewissen, die gefährliche die Triebhaftigkeit. Das nimmt Freuds "Über-Ich" und "Es" vorweg. Die Triebbefriedigung (Nahrung oder Sex) ist natürliche Notwendigkeit, kann aber üble Folgen haben (Völlerei oder Vergewaltigung). Deshalb ist Selbstzucht Menschenpflicht. Haut er trotzdem über die Stränge, kann er der Bestrafung durch aufrichtige Reue entgehen, sich also selber erlösen. In jedem Fall aber ist er Herr seiner Entscheidungen – weder Heiland noch Priester können ihm die Last abnehmen. Demnach hätten die Juden nicht bloß das "kleine Bier" erfunden, wie ein Wiener Antisemit in Friedrich Torbergs Tante Jolesch höhnte, sondern auch den freien Willen. Der Schöpfer hat Adam nicht gezwungen, vom Baum der Erkenntnis zu essen.

Gegenüber Gott reichen Reue und Umkehr, beim Menschen aber ist Handfesteres angesagt: die Wiedergutmachung. Der zentrale Gedanke der Vergebung im Hier und Heute findet seine rituelle Entsprechung im "Versöhnungstag" (Jom Kippur), der 24 Stunden Fasten als Symbol der Reinigung erfordert. Jom Kippur ist der Höhepunkt der zehn "Tage der Buße und Umkehr", die auf das herbstliche Neujahrsfest (Rosch Haschana) folgen.

Der höchste der "Hohen Feiertage" dient der "Abrechnung" mit Gott und den Menschen im Diesseits; entschieden wird also alljährlich und nicht erst während des "Jüngsten Gerichts". An diesem Tag, schrieb Rabbi Amnon von Mainz (circa 1400), "wird der Spruch besiegelt: wer leben und wer sterben wird, doch Reue, Gebet und Barmherzigkeit können das harte Urteil verhindern". Dann wird der Sündige von Gott in das "Buch des Lebens" eingeschrieben – aber nur für ein Jahr, auf Bewährung. Doch ist mit dieser befristeten Erlösung die Sache noch nicht erledigt.

"Am Versöhnungstag wird der Mensch von Sünden gegen Gott freigesprochen", heißt es im Talmud, "aber nicht von solchen gegen seinen Mitmenschen, es sei denn, dass der ihm verzeihe." Wie schwierig die weltliche Bußfertigkeit ist, bezeugt die Geschichte von dem Mann, der am Versöhnungstag in der Synagoge auf seinen Erzfeind trifft: "Lass uns vergeben und vergessen; also, von heute an wünsche ich dir alles, was du mir wünschst." Schießt der zurück: "Was, du fängst ja schon wieder an!"

Nun gut, wendet unsere katholische Freundin an, der eine lebt, der andere stirbt. Und dann? Was ist mit der Seele, mit dem Jenseits? Juden glauben zwar an die Unsterblichkeit der Seele, auch an die Auferstehung der Toten, aber eben erst, wenn der Messias kommt, und der "mag trödeln". So drückt es Maimonides (1138 bis 1204) aus, der wichtigste Denker der nachtalmudischen Zeit, sozusagen der Augustin des Judentums. Juden kennen auch Gehinom ("Fegefeuer", höchstens ein Jahr) oder Gan Eden ("Garten Eden"), aber die spielen theologische Statistenrollen. Die Hauptrolle ist für Olam Ha’ba, die "Welt, die kommt" reserviert, aber die möge man nicht mit dem christlichen Himmel verwechseln.

So der Messias kommt, lehrt Maimonides, werde sich die Menschheitserlösung auf Erden entfalten: "Auch dann wird es Reiche und Arme, Starke und Schwache geben. Aber es wird eine Zeit sein, in der die Zahl der Weisen wächst, in der es keinen Krieg mehr gibt und die Völker nicht mehr das Schwert gegeneinander erheben. Güte und Weisheit werden vorherrschen. Glaubt nicht, dass die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Und bedenkt, dass alle Prophezeiungen über den Messias Allegorien sind." Wann kommt er denn? Rabbi Jochanan im Talmud: "Der Sohn Davids wird nur in einer Generation erscheinen, die entweder gänzlich rechtschaffen oder gänzlich böse ist." Naturgemäß wird das kaum eintreten, weshalb sich Juden viel mehr mit dem richtigen Leben auf Erden als mit der Belohnung im Jenseits beschäftigen.

Gottgefälligkeit und Gesetz: Der lutherische Gläubige hofft auf Gnade, der katholische auf "gute Werke". Und der Jude? Auf die Treue zum Gesetz, das Gott den Kindern Israels im Sinai gab, als er den "Bund" mit ihnen schloss. Die Idee des Bundes, einer der krassesten Unterschiede zum Christentum, offenbart sich nirgendwo deutlicher als im Ersten Gebot. Bei den Christen heißt es ganz knapp: "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." Bei den Juden aber geht es weiter: "der ich dich führte aus dem Land Ägypten, aus dem Hause der Dienstbarkeit". Mithin: Was bei Christen Glaubenssache ist, beruht bei den Juden auf göttlicher Vorleistung, etwa: "Das habe ich für euch getan, jetzt seid ihr dran." Dem Glauben geht der Vertragsabschluss, das do ut des, voraus.

Mit diesem Deal hängt zwar das Judentum am festen moralischen Nagel der gegenseitigen Verpflichtung, aber einfach war die Sache für das "auserwählte Volk" nicht – weshalb auch Milchmann Tewje in Anatevka lamentiert: "Gott, kannst Du Dir nicht ab und zu ein anderes Volk aussuchen?" Außer den Zehn Geboten stehen noch 603 weitere im Kontrakt (siehe www.jewfaq.org/613.htm): Wie man betet und benedeit, dass man seine Mitmenschen nicht beleidigen und dem Nachbarn helfen, den Armen einen Teil der Ernte überlassen, den Fremden lieben möge. Es folgt eine lange Latte sexueller Tabus: wer mit wem "liegen", wen heiraten darf. Dreißig Regeln bestimmen, was gegessen werden darf und wie – kein Aas, Schwein, Ungeziefer, keine Schlangen, keine Völlerei –, lauter kluge Anweisungen, als es weder Gesundheitsbehörden noch Kalorientabellen gab.

Weitere dreißig Gesetze legen die Wirtschaftsmoral fest: keine Schummelei, kein Wucherzins. Den Bedürftigen Geld leihen, keine Pfänder zurückhalten, wenn der Schuldner sie in seiner Not braucht. Witwen müssen nichts hinterlegen, Gewichte und Waagen müssen stimmen. Lohn muss pünktlich gezahlt werden. Schließlich sehr pragmatisch: Verbinde dem dreschenden Ochsen nicht das Maul. Dann geht’s ins Juristische (43 Passagen). Verboten sind Meineid, Bestechung, Vertrauensbruch. Verwandte dürfen nicht als Zeugen befragt werden, zur Beweisführung gehören mindestens zwei. Die Aussage von Fremden gilt so viel wie die von Einheimischen. Gleichheit vor dem Gesetz und Unbefangenheit des Richters. Todesurteile dürfen nur mit einer deutlichen Mehrheit gefällt werden (was die Einstimmigkeit der zwölf Schöffen im angelsächsischen Recht vorzeichnet).

In den ersten dreihundert Regeln scheinen also ein Moralkodex plus ein präexistentes GG, BGB und StGB auf. Der Rest beschäftigt sich mit Ritual und Religion, mit Tempel- und Gottesdienst, bis in die allerfeinsten Verästelungen. Aber auch mit der Fruchtfolge auf dem Acker, dem Kriegsrecht (das seinerzeit nicht ganz den Genfer Konventionen entsprach) und der Machtbegrenzung des Monarchen. Interessant für den modernen Menschen: Nicht nur ist Götzendienst tabu, verboten sind auch Zauberei, Astrologie und Geisterbefragung. Und so weiter bis zur Nummer 613.

Ob das all das Manna in der Wüste wert war, zumal angesichts der zurückgelassenen Fleischtöpfe? Kein Wunder, dass die Israeliten "murrten" und sich "hartnäckig" zeigten, auch mit dem Goldenen Kalb tändelten. "Is schwer zu sein a Jid", heißt es denn auch. Schon im Ringen Jakobs mit dem Engel, dann im Sinai, formierte sich jener Dauerdisput, den nur die beispiellose Intimität zwischen Gott und seinem Volk erklären kann, die ständig Enttäuschung und Unterwerfung, Liebe und Wut, Hadern und Versöhnung zeugt. Oder so: Der Clinch ist die Botschaft, und sie enthält mal Heil, mal Verderben. Und den Hang der Juden zur Jurisprudenz, der sich vom 3. Jahrhundert an in den 63 Traktaten und 6000 Seiten des Talmuds niederschlug. Auf den Punkt gebracht, handelt es sich bei diesem geheimnisumwitterten Werk um ein Gesetzbuch mit Auslegungen, Gegengutachten, Präzedenzfällen und Disputationen. Deshalb dauert das jüdische "Jura-Studium" ein ganzes Leben lang.

Glauben und Vernunft: Der Disput begann mitten in der Wüste, als Gott so sauer auf seine abtrünnigen Kinder war, dass er "sie mit Pestilenz schlagen und vertilgen" wollte (4 Mosis, 12–35). Da offenbart sich Moses als erster Staranwalt der Geschichte, der (mit unterwürfigem Respekt, versteht sich) Gott bei seiner Eitelkeit packt und ihn austrickst, etwa so: Oh Herr, ich bin voll bei Dir, aber bedenke doch, was für eine schlechte Presse Du in Kairo kriegen wirst. Du seist zwar stark genug gewesen, Deine Leute aus der Sklaverei zu befreien, aber nicht mächtig genug, um sie an Dein Gesetz zu binden; "darum hat er sie geschlachtet in der Wüste". Der Einzige denkt kurz nach und wandelt das Todesurteil um in 40 Jahre Wanderschaft. Mensch gegen Gott: eins zu null.

Das Christentum ist im Kern eine Glaubensreligion, wie sie sich im Apostolicum niederschlägt: "Ich glaube an Gott, den Vater und an Jesus Christus…" Das Judentum ist eine Gesetzesreligion, die sich an der "Ur-Verfassung" vom Sinai (Thora), den 613 Ge- und Verboten und den Auslegungen des Talmuds orientiert. Selbst das "Sch’ma Jisrael", die Säule des jüdischen Monotheismus, ist kein echtes Bekenntnis, sondern ein Appell, eine Dauer-Ermahnung. Es heißt nicht: "Ich glaube." Sondern: "Höre, oh Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig!" Also: Hör gut zu, Amen musst du selber sagen.

Die Offenbarung teilt das Judentum mit seinen beiden Nachfolgern – aber wieder mit einem interessanten Unterschied. Auch ultraorthodoxe Juden glauben wie andere Fundamentalisten an die Buchstäblichkeit des Gotteswortes. Doch ist nach der Offenbarung im Sinai einiges Wasser durch den Jordan geflossen – und die Gottesbotschaft in die Hände der Menschen.

Den Übergang markiert eine berühmte Geschichte aus dem Talmud (Bava Metzia, 59), die von einem Auslegungsstreit zwischen den Weisesten unter den Rabbinen handelt. Rabbi Eliezer versucht den Disput mit allerlei wundersamen Zeichen zu gewinnen: mit einem Baum, der sich selbst entwurzelt, mit einem Bach, der plötzlich rückwärts fließt. Doch die Kollegen bleiben ungerührt. Schließlich ruft Eliezer Gott an, und der sagt erwartungsgemäß: "Warum streitet ihr mit Eliezer, ihr seht doch, dass das Gesetz so ist, wie er sagt." Da widerspricht Rabbi Joschua: "Es ist nicht im Himmel." Was wollte er damit sagen?, fragt der Talmud. Rabbi Jeremiah antwortet: "Da wir die Torah vor langer Zeit im Sinai empfangen haben, hören wir nicht mehr auf himmlische Stimmen." Und wie reagierte der Herr? Er lachte und sagte: "Meine Söhne haben mich geschlagen." Die Moral? Das Gesetz gehört nicht mehr Gott, sondern den Menschen – vergesst die himmlischen Stimmen und Wunder.

Daraus folgt eine praktische Einsicht, die das Leben mit den 613 Ge- und Verboten etwas erträglicher macht: Wer mit dem Gesetz leben will, muss es auslegen, muss es neuen Bedingungen menschlicher Existenz anpassen können – dies aber nicht nach Lust und Laune, sondern regelhaft, vernunftbetont und im Einklang mit allen Beteiligten. Eben wie die Herren Joschua und Jeremiah, die sich gegen den autoritäts- und wundergläubigen Eliezer durchsetzten und dafür auch noch Gottes Segen einheimsten.

Dogma und Dehnung: Bei aller Wucht der Gesetzeslast (als Analogie zur christlichen Dogmatik) gilt das Prinzip Pikuach Nefesch, etwa "Rettung einer Seele", das allergrößte Sicherheitsventil im Judentum. Geht es um Gesundheit oder Leben, können selbst am heiligen Sabbat fast alle Gesetze ausgehebelt werden – außer bei Mord, Götzendienst und verbotenem Sexualverkehr. Ein modernes Beispiel: Obwohl die Entheiligung der Toten durch Verstümmelung tabu ist, dürfen Organe entnommen werden, um ein Leben zu retten.

Auf Neudeutsch: In der ewigen Spannung zwischen Offenbarungsglaube und Moderne haben Moses und die Rabbinen das Judentum "gut aufgestellt". Gegen einen unbeugsamen Fundamentalismus, der jeder Religion anhaftet, steht ein Pragmatismus, der in der Diesseitigkeit wurzelt und selbst den ganz Frommen, den "613ern", eine Grundversorgung mit Elastizität sichert. Und in einem demokratischen Ur-Gefühl, das der Staatenlosigkeit des Judentums nach der Tempelzerstörung (70 nach Christus) geschuldet sein mag. So konnte nie eine unduldsame Staatsreligion im Verbund mit weltlicher Macht wie in Rom oder gar eine Theokratie wie im Islam entstehen. Die Trennung von Kirche und Staat, eine Errungenschaft der westlichen Moderne, haben die Juden, wenn auch nicht ganz freiwillig, schon vor knapp 2000 Jahren vorweggenommen: "Das Gesetz des Königreiches ist das Gesetz."

Reformation und Aufklärung? Reformation war unnötig, weil deren Hauptprinzip – der direkte Weg zu Gott, "jedermann sein eigener Priester" – zum Judentum gehört wie Matze und Kippa. Es gibt keinen Papst und schon lange keine Priester mehr; der Rabbi ist Lehrer und Schiedsrichter. Jeder führt sein eigenes Gespräch mit Gott, wie das Stimmengewirr in der Synagoge zeigt ("hier geht’s ja zu wie in einer Judenschule"). Wie soll es auch anders sein, wenn man bedenkt, wie oft sich die Kinder Israel gegen ihren Moses und ihren Gott aufgelehnt haben, wie vollgepackt der Talmud mit seinen Sprüchen und Wider-Sprüchen ist? Deshalb auch: zwei Juden, drei Meinungen. Deshalb suchen die Juden ihren höchstpersönlichen Weg in den Himmel, auch wenn der ziemlich weit weg ist.

Aufklärung? Den Spagat zwischen Offenbarung und der neuen "Religion der Vernunft" hat das europäische Judentum – siehe Moses Mendelssohn – zeitgerecht im 18. Jahrhundert vollzogen (wiederum dank des Exils). Aber angelegt war er bereits in dem Disput zwischen dem wunderheischenden Eliezer und den Kollegen. Da sind alle Elemente der Aufklärung schon versammelt: die Unterscheidung zwischen Glauben und Vernunft, die Trennung der Reiche Gottes und des Menschen, die Abwehr des Übernatürlichen, die Skepsis gegenüber "denen da oben", schließlich die Aneignung des Gotteswortes durch seine Kinder.

Über den Wunderglauben des Rabbi Eliezer machen die Juden heute noch Witze, siehe den Fall des Mannes, der täglich in der Synagoge fleht: "Bitte, lieber Gott, lass mich nur einmal im Lotto gewinnen." Nach mehreren Stoßgebeten (die im Judentum verpönt sind) grollt die Stimme Gottes hinter dem Torah-Schrein: "Rubinstein, tu mir einen Gefallen und kauf dir einen Lottoschein."

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