Beim Judentum gerät die Idee dieser Anti-Religions-Kolumne an ihre Grenzen. Eine zersplitterte Gemeinschaft, die erst vor ein paar Jahrzehnten knapp einem Völkermord entronnen ist, muss zur Kritik ein empfindlicheres Verhältnis haben als eine saturierte Mehrheitsreligion wie das Christentum. Kritik am Judentum hat immer den Beigeschmack des Mörderischen, denn alles, was an Kritischem sich sagen ließe, ist auch schon von den Antisemiten gesagt worden. Man muss es aber trotzdem versuchen, denn Normalität ist das, was das Judentum seit Jahrhunderten erstrebt, und Normalität ohne Kritik ist unmöglich.

Der jüdische Gott hat seinen bedauernswerten Gläubigen die Rekordzahl von 613 Verboten und Vorschriften aufgebrummt. Nach dem Sinn dieser Vorschriften soll man, wie bei autoritären Chefs üblich, nicht fragen.

Warum, um alles in der Welt, dürfen vom Anrühren des Mehls bis zur Fertigstellung des Brotes für das Pessachfest nicht mehr als achtzehn Minuten vergehen? Sind neunzehn Minuten beim Brotbacken denn nicht auch ein schönes, gottgefälliges Ergebnis? Warum ist es verboten, ein Kamel zu essen, aber erlaubt, einen Bison zu essen? Warum soll, wer nach einem Hühnchenschlegel einen Erdbeerjoghurt essen möchte, nach Gottes Willen genau sechs Stunden warten, während der Abstand von einer Sahnetorte zu einem Hamburger nur eine Stunde betragen muss? Warum dürfen Juden ihren Kater nicht kastrieren (Gebot 106), egal, wie laut er nachts schreit? Weil im Judentum die einst sinnvollen Hygieneregeln eines Wüstenvolkes über Jahrtausende hinweg aufbewahrt wurden wie philosophische Wahrheiten.

Gerade die besonders strengen Väter haben oft besonders aufsässige Kinder. Dies gilt auch für Jahwe. Deswegen sind so viele seiner Gläubigen Wissenschaftler, Intellektuelle oder Künstler geworden. Hat das Judentum, dem in uneingeschränkter Orthodoxie nur noch wenige anhängen, vielleicht sogar aufgehört, eine Religion zu sein, ist es nicht eher eine Kultur- und Schicksalsgemeinschaft, die durch die Geschichte der Judenverfolgung zusammengehalten wird? Wäre ohne den Antisemitismus das Judentum mit seinen exotischen Regeln längst zusammengeschrumpft zu einer exotischen Sekte? Diese These gibt es.

Jede Religion hält sich selbst für die einzig wahre, folglich für überlegen. Aber das Judentum hält sich für besonders wahr. Sein Gott hat sich angeblich ein bestimmtes Volk auf der Erde ausgesucht, sein einziges, auserwähltes Lieblingsvolk. Die Idee des "auserwählten Volkes" ist der Pferdefuß dieser Religion, daran halten die Judenhasser sich fest, und daran kommt auch eine sachliche Kritik nicht vorbei. Wie borniert ein Gott doch sein muss, der unter seinen Kindern Unterschiede macht!

Diesem einen Volk also gewährt er auf Erden das Land, in welchem Milch und Honig fließen, und im Jenseits die Seligkeit. Das Judentum ist ein im eigenen Saft schmorender Nationalglaube mit einem nationalbewussten Gott, zusammengeschmiedet durch Druck von außen. Diese Religion braucht wahrscheinlich so dringend eine Reformation wie der Islam, nur sind ihre Anhänger im Durchschnitt gebildeter und kosmopolitischer, sie radikalisiert sich folglich nicht, sondern zerfällt in aller Stille in orthodoxe, halbliberale oder dreiviertelliberale Unterreligionen, viele Juden wenden sich ganz von ihr ab. Und zu den grausamen Paradoxien der Geschichte gehört die Erkenntnis, dass die jüdische Religion vom Judenhass gleichzeitig bedroht und am Leben erhalten wurde. Harald Martenstein

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