Seit Berlin wiedervereinigt ist, hat sich die Stadt verändert. Sie ist ärmer, ostiger und linker geworden, zugleich heterogener, mondäner und internationaler. Worauf sich die Berliner bislang verlassen konnten, war die Feindschaft zwischen CDU und FDP auf der einen, den Grünen auf der anderen Seite. Hausbesetzer und Hausbesitzer, Kreuzberger Studenten und Wilmersdorfer Witwen, das waren die Antipoden im alten Berlin. Noch im Abgeordnetenhauswahlkampf des vergangenen Jahres war die Antipathie zu hören, auch wenn sie bereits recht schal klang.

Das Ergebnis ist bekannt. Rot-Rot wurde wiedergewählt, wenn auch denkbar knapp. Die CDU kam auf blamable 21,3 Prozent. Die Grünen legten auf 13,1 Prozent zu, blieben aber ebenfalls hinter ihren Erwartungen zurück. Im Wahlkampf hatten sie um die Gunst der SPD gebuhlt, anschließend wurden sie eiskalt abserviert.

Seitdem weht ein Hauch von Jamaika durch die Hauptstadt.

Schwarz-Gelb-Grün, für den CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger ist dies eine »reale Möglichkeit«, für seinen liberalen Amtskollegen Martin Linder »auf jeden Fall ein Weg, der 2011 ins rote Rathaus führen kann«. Nur Volker Ratzmann, der Grüne in dieser Old-Boys-Connection, vermisst noch eine »tragfähige inhaltliche Grundlage« für das bürgerliche Zukunftsbündnis. Aber er sagt auch, »wir brauchen Optionen jenseits von Rot-Grün«. Die drei reden miteinander, telefonieren, kungeln. » Die Mauer zu FDP und CDU ist eingerissen«, sagt der grüne Fraktionschef.

Thomas Piotrowski ist noch ein wenig irritiert ob dieser Wiedervereinigung des Bürgertums. Der CDU-Ortsvorsitzende von Nikolassee kann sich »nicht vorstellen, wie das funktionieren soll«.

Doch wo der Parteimann noch von einem Abstand »wie zwischen Erde und Mars« spricht, ist die Wählerbasis längst weiter. Nikolassee mit seinen vielen Einfamilienhäusern ist christdemokratisches Kernland.

Dennoch haben hier bis zu 20 Prozent der Anwohner grün gewählt. Für das ökologisch orientierte Bürgertum sind CDU und Grüne augenscheinlich zwei verwandte Optionen. Manchmal seien die Grünen ihr ein Rätsel, sagt die Landtagsabgeordnete Cornelia Seibeld, etwa mit ihrer »ideologisierten Innenpolitik«. Aber dann erlebe sie wieder, wie sehr diese von christlichen Werten geprägt seien, »deshalb ist es gut, auf die Grünen zuzugehen«.