Gerhard Schröders Reformpolitik hat eine gesamtdeutsche Linkspartei hervorgebracht – wird Ursula von der Leyen die Geburtshelferin einer neuen Rechten? So demonstrativ jedenfalls wie die Familienministerin hat bisher niemand aus der Union das Weltbild der Partei durcheinandergewirbelt. Ohne Rücksicht auf Verluste im traditionellen Milieu hat sie sich offenbar vorgenommen, "an der Spitze des Fortschritts" zu marschieren – ganz so, wie es Franz Josef Strauß, der Säulenheilige des Nachkriegskonservatismus, einst empfohlen hat. Dagegen sind von der Leyens Kritiker von eher schlichtem Naturell. Sie verteidigen das überkommene familiäre Rollenverständnis gegen die Abweichung, die guten alten Gewohnheiten gegen das schlechte Neue. Ein solcher Konservatismus bedeutet kaum mehr als politische Nostalgie und Entschlossenheit zum permanenten Rückzugsgefecht. Die Basis für eine lebensfähige Partei ist das noch nicht.

Ursula von der Leyen will die Betreuung von Kleinkindern verbessern. Als Zeitgeistpolitik kann das nur missverstehen, wer das Bedürfnis junger Mütter nach Eigenständigkeit zu einem Modetrend erklärt und überdies die pure finanzielle Notwendigkeit übersieht, die oft genug zur Berufstätigkeit zwingt. Dennoch muss man die neue Familienpolitik der CDU nicht als Avantgarde verklären. Ursula von der Leyen betreibt – auf ziemlich nüchterne Weise – eine nachholende Modernisierung. Nicht mehr und nicht weniger. Für manche in ihrer Partei ist es dennoch ein Schock.

Ein anderer Schock ist dem vorausgegangen: Nach der Wahlniederlage 1998 übernahm die neue Generalsekretärin Angela Merkel eine Partei, die den Kontakt zur Lebenswirklichkeit tragender Schichten verloren hatte. Die Union, die in den ersten Jahrzehnten der Republik bei Frauen jeden Alters klare Mehrheiten erreichte, verlor nun dramatisch bei den jüngeren. Die großstädtischen Milieus wurden für die Partei regelrecht zur Diaspora. Das war die Ausgangslage für das Projekt "Rückeroberung der Mitte". Das Kalkül der Modernisierer um Merkel war schlicht und klar: die Wirklichkeit in einigen Schlüsselfeldern wie Familie oder Einwanderung vorbehaltlos betrachten, nach ideologisch unverstellten Problemlösungen suchen – und darauf hoffen, dass eine erneuerte CDU in der Mitte bald mehr Stimmen gewinnen als an ihrem rechten Rand verlieren würde. Die Modernisierung verlief in Kurven, weniger konsequent, als es im Rückblick scheint. Aber sie kam voran.

Der Streit, der die Reform der CDU bis in die jüngste Zeit begleitet, gehört inzwischen selbst zum Kalkül – entgegen der Demoskopenweisheit, Streit schade nur. Wer Erneuerungskraft signalisieren will, braucht den öffentlich ausgetragenen Konflikt. Die lautlose Programmrevision verfängt nicht. Realitätssinn zeigt sich gerade in den umkämpften Kurskorrekturen: die Grünen und die Abkehr vom Pazifismus, Schröder und seine Reformagenda, nun die Union mit ihrem neuen Familienbild.

Und die Kosten? Die Grünen verloren nach der Kosovo-Entscheidung eine Legislaturperiode lang jede Wahl. Die SPD hat bis heute die Enttäuschung ihrer Kernklientel über die Agenda 2010 nicht verkraftet. Und auch das Unbehagen in der Union am Erneuerungseifer der Familienministerin birgt hohes Entfremdungspotenzial. Denn gerade für ihre treuesten Unterstützer ist die CDU ja nicht so sehr die moderne, pragmatische Problemlösungspartei. In einer rapide sich wandelnden Umwelt schätzt ein Teil ihrer Klientel an der Union, dass bei ihr "die Welt noch in Ordnung" scheint. In der Vorstellung mancher Stammwähler fungiert sie nicht als Katalysator der Veränderung, sondern geradezu als Barriere gegen den Wandel. Ein Konservatismus, der sich auf die beschleunigten Verhältnisse einlässt und sie sogar noch antreibt, ist in Teilen der Union so unpopulär wie die familienpolitischen Beschlüsse der vergangenen Jahre, mit denen von der Leyen nun plötzlich Ernst macht.

Schon über das Elterngeld wurde so intensiv gestritten wie nun über die Betreuung der Kleinsten. In einer Gesellschaft, die sich seit Jahren Sorgen über fehlenden Nachwuchs macht, sind das recht naheliegende Schritte. Und die Befürchtung, von der Leyens Politik bereite den Boden für die außerhäusliche Zwangsbetreuung, ist angesichts dramatischer Unterversorgung abwegig. Aber die Argumente, die jetzt vorgebracht werden, machen ohnehin die Energie der Debatte nicht plausibel. Die ganze Aufregung ist nur verständlich, wenn man in ihr die generelle Sorge um den konservativen Flügel der Union mitschwingen hört. Der präsentiert sich ja nicht sonderlich vital: Kein führender Unionspolitiker hat sich offen auf die Seite der Kritiker gestellt. Die Traditionalisten sind rar. Wo sie sich zu Wort melden, machen sie wenig Eindruck.