Paris lockte immer, Künstler und freie Geister aller Zeiten und Länder zog es hierher. Das war zu Beginn der Französischen Revolution nicht anders. Man wollte dabei sein, als die neue Epoche der Weltgeschichte begann, als Europas Freiheitsstunde schlug. Nur einer, der wollte fort, fort aus Paris. Doch er traute sich nicht mehr, auf die lange Reise zu gehen, zurück nach Italien, in die Heimat. Weit über achtzig war er jetzt, halb blind und ziemlich pleite. Vergessen hier in der Fremde, so schien es ihm, dem Carlo Goldoni aus Venedig.

Was der greise Komödiant und Dichter, dessen Werk heute Teil der Weltliteratur ist, von der neuen Zeit wirklich hielt, wissen wir nicht. Bereits 1787, zwei Jahre vor dem Fall der Bastille, hatte er seine Memoiren abgeschlossen, hernach ist nur noch wenig aus seinem Leben überliefert. Was wir aber wissen, ist, dass Goldoni durch die Revolution seine Einkünfte verlor und bittere Armut litt. Zeit seines Lebens hatte er Angst vor Geldnot gehabt, zu Recht. Tantiemen waren noch nicht erfunden, und Bühnenautoren konnten von Kassenschlagern kaum profitieren. Deshalb war Carlo Goldoni ja nach Frankreich gegangen: weil ihm die Pariser Comédie Italienne einen lukrativen Vertrag angeboten hatte, während ihm von seiner Heimatstadt Venedig eine Pension verweigert worden war.

Doch Goldoni in Paris – das wurde kein Erfolg. Am Ende hatte er sich mit einem kleinen Posten bei Hofe zu begnügen, der Dichter durfte Italienischstunden geben. Als dann das Volk die Regie übernahm, versiegte selbst diese bescheidene Pfründe; die »königliche Zivilliste« wurde geschlossen, alle Privilegien des Hofes waren getilgt. Goldoni und seine Frau Nicoletta blieben nun auf Zuwendungen von Freunden angewiesen, es reichte gerade für das Nötigste. Dabei hätten die Revolutionäre nur eines seiner Stücke lesen müssen, um zu begreifen, dass Goldoni, der so oft adeligen Dünkel verlacht hatte, eine Art Bundesgenosse war. Immerhin gab es im Nationalkonvent einen, der die Kunst des Venezianers gut kannte: der Dramatiker Marie-Joseph Chénier. »Ich spreche«, appellierte er an die Abgeordneten, »für jenen klugen und moralischen Autor, den Voltaire den ›Molière Italiens‹ genannt hat. Ihr Bürger werdet eure Hand dem Heiligsten auf der Welt nicht versagen: der Tugend, dem Genie und dem Unglück.« Chénier drang durch, die Pension wurde dem Bürger Goldoni erneut zuerkannt. Doch der hat es wohl nicht mehr erfahren. Carlo Goldoni starb am selben Tag, dem 6. Februar 1793, in seiner Wohnung in der Rue Pavée Saint-Sauveur No. 1, der heutigen Rue Tiquetonne.

Es war, als ob er wieder in das Nichts verschwunden wäre, aus dem er einst gekommen war. Denn vergeblich sucht man bei ihm, in seinem genialen Werk nach Vorbild und Einfluss. »Goldoni«, schrieb 1968 der Theatermann Heinz Dietrich Kenter (in einem Nachwort zu einer Neuausgabe der Memoiren), »fußt nirgends auf einer Art von Tradition []. Er war mit seiner Kunst ganz plötzlich da.« Diese Kunst war ein angriffslustiges, humoristisches, wirklichkeitsnahes Theater. Und woher er das hatte, den klaren Blick, die zupackende Hand, die Frische und Einfachheit bei der Zeichnung seiner Figuren und bei der Dramaturgie seiner Werke, das wird man womöglich nie ergründen. Es war eine Gabe.

Es hat seine Zeit gedauert, bis Carlo Goldoni begriff, dass seine Gabe eher ihn besaß als er sie. Geboren wurde er vor 300 Jahren, am 25. Februar 1707, in Venedig. Die Mutter, Margherita Goldoni, stammte aus einem Bürgerhaus, der Vater war angehender Arzt. Es war eine ruhelose Jugend. Während die Mutter und Brüderchen Gian Paolo meist in Venedig blieben, wohnte der Vater mit Carlo mal hier und mal dort, in Perugia und Rimini, in Pavia, Udine und Modena, wobei sie zwischendurch immer wieder an die Lagune zurückkehrten, um der Mutter eine Freude zu machen. Sohn Carlo aber liebte nur eins: das Theater. Wo keine Bühnenluft weht, kann er nicht atmen. Als es ihn mit seinem Vater nach Perugia verschlägt, fragt er sofort: »›Gibt es ein Schauspielhaus hier?‹ Man sagte mir: ›Nein.‹ ›So bleibe ich‹, war meine Antwort, ›für alle Reichtümer der Welt nicht hier.‹«

Von einer Schule wechselte er zur nächsten. Zwischendurch riss er aus, um den Komödianten zu folgen. Unermüdlich sorgte sich der Vater, stets auf der Pirsch nach solventen Patienten, um Freitische und Stipendien für seinen Sohn; Geld fehlte immer. Doch der junge Carlo schaffte es. An der ehrwürdigen Universität von Padua machte er 1731 seinen Doktor jur. Ein Jahr später wurde er venezianischer Advokat, eine formelle Würde, auf die er sein Leben lang stolz war.