Wie findet man einen Ton, der geeignet ist, etwas gegen die Armut auszurichten? Der Journalist und Autor Charles Dickens, der schlimmere innerstädtische Verhältnisse kannte, als wir sie heute in Berlin-Marzahn oder Hamburg-Wilhelmsburg beklagen, behalf sich mit grenzenlosem Sarkasmus bei der Beschreibung der viktorianischen Wohlfahrtsbehörden: Die sind in seinen Romanen nie um eine Idee verlegen, wie man Londons Arme bei noch schmaleren Rationen noch ein bisschen mehr hungern lassen könnte.

Verfolgt man die aktuelle Armutsdebatte in Deutschland, dann scheint die Lage nicht sehr viel besser geworden zu sein als im 19. Jahrhundert. Von einem "geteilten Land" berichtete unlängst der Spiegel mit dem üblichen Gestus der Empörung. Auch die Süddeutsche Zeitung entrüstet sich: Kinderarmut gehöre nicht zu den Dingen, die bei uns irgendjemanden aufregten, "schon gar nicht Politiker". Und die Autoren Nadja Klinger und Jens König, die mit ihrem Buch Einfach abgehängt (Rowohlt Berlin 2006) Deutungshoheit im Armutsdiskurs beanspruchen, formulieren noch schärfer: Die alten Klassengegensätze kehrten zurück, die Republik teile sich wieder in Gewinner und Verlierer. "Warum gibt es angesichts dieses gesellschaftlichen Skandals keinen Aufschrei?", fragen sie, "warum geht niemand auf die Straße und klagt an, wen auch immer, die Kapitalisten, die Globalisierer, den Staat, die Regierung?"

Genau: Wen sollte man anklagen? Darüber nachzudenken lohnt sich durchaus. Dann stellt sich allerdings schnell die zusätzliche Frage, ob die verbale Großzügigkeit bei der Skandalisierung der Armut den Betroffenen tatsächlich nützt. Kann es dabei nicht auch um eine für die Armen relativ folgenlose Beruhigung des Mittelschichtsgewissens gehen: Man schreit, aber weiß eigentlich nicht genau, was man schreien soll? Weil nämlich Armut, wie so vieles in dieser unübersichtlichen Gesellschaft, ein ermüdend komplexes Phänomen ist, das sich zusammensetzt aus politischen Entscheidungen, Fehlentwicklungen des Wirtschaftssystems und persönlichen Handicaps.

Die Empörungsgesten suggerieren meist eine einfache Lösung: Man müsse den Reichen nur etwas von ihrem Reichtum nehmen und es den Armen geben. Aber geht es tatsächlich allein um mehr Geld? Armutsforscher und Praktiker des Sozialstaats scheinen sich immerhin darin weitgehend einig zu sein, dass eine schlichte Erhöhung der Transferleistungen, von der Sozialhilfe bis zum Arbeitslosengeld II, an der Lebenssituation der Empfänger wenig verbessern würde. Was an der rein materiell ausgerichteten Armutsdiskussion so erschöpft, ist das Gefühl der Unendlichkeit: Der Anteil des Bundesetats, der 2006 allein für Arbeit und Soziales (mit Rentenzuschuss) ausgegeben wurde, ist annähernd so groß wie ein kompletter Haushalt der achtziger Jahre (nämlich 120 Milliarden Euro). Das ist natürlich nicht zuletzt eine Folge der damals einsetzenden Massenarbeitslosigkeit. Und da nach der wenig überraschenden Erkenntnis aller einschlägigen Studien "Arbeitslosigkeit" das größte Armutsrisiko darstellt, ist die politische Forderung nach einem dritten Arbeitsmarkt, nach staatlich organisierter Beschäftigung für diejenigen, die, aus welchen Gründen auch immer, dauerhaft nicht in regulären Arbeitsverhältnissen unterkommen, absolut sinnvoll. Doch sinnvoll heißt eben keineswegs unumstritten: Wirtschaftsverbände argwöhnen bei öffentlicher Beschäftigung sofort, es gäbe Wettbewerbsverzerrungen und unfaire Konkurrenz. Und auch der Mindestlohn, ein probates Mittel gegen Armut bei voller Beschäftigung, ist durchaus nicht ohne weiteres mehrheitsfähig – obwohl zum Beispiel das ansonsten wirtschaftsliberale Großbritannien sich einen gesetzlichen Lohn von fast acht Euro pro Stunde leistet, ohne dass die Wirtschaft dort zusammenbricht.

Je größer die Armut, desto mehr finanzielle Mittel muss eine menschenfreundliche – und insgesamt reiche – Gesellschaft aufwenden, um deren schlimme Wirkungen zu lindern: Diesem Satz möchte man schnell zustimmen. Aber wenn die Erhöhung der Aufwendungen das Problem nicht verringert, stellt sich die Frage, was falsch ist: die Verwendung der Mittel? Oder die öffentliche Wahrnehmung? "Hartz IV" jedenfalls kostete gleich zu Beginn 12 Milliarden Euro mehr als geplant, gilt aber trotzdem als Instrument für gnadenlosen Sozialabbau.

Die Sicht auf staatliche Sozialleistungen hat sich verändert: Ursprünglich sollten sie existenzielle Not verhindern – "vor Armut und sozialer Ausgrenzung ebenso wie vor den Folgen besonderer Belastungen schützen", heißt es im zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2005. Heute aber wird, unter anderem im Sprachgebrauch der Wohlfahrtsverbände, der Bezug von Sozialhilfe umstandslos mit der Notlage selbst gleichgesetzt, die das Staatsgeld eigentlich beseitigen soll. Die Folge: Als arm wird betrachtet, wer Leistungen erhält. Kurz, werden die staatlichen Leistungen ausgeweitet, gibt es mehr Anspruchsberechtigte, dann wächst damit automatisch die Armut.