Ein Reisender übernachtet in einem Gasthof in Amerika. Er teilt sich das Zimmer mit einem Schwarzen, der schon schläft. Der Weiße legt sein Gepäck im Gästezimmer ab und geht hinab in den Schankraum, wo er bis spät in der Nacht zecht. Der Mann muss am Morgen mit dem ersten Zug weiter und schärft dem Hausknecht ein, ihn zu wecken und ihn nicht mit dem Schwarzen im anderen Bett zu verwechseln. Seine Zechgenossen spielen dem Betrunkenen einen Streich. Sie legen ihn ins Bett und schwärzen sein Gesicht mit Ruß. Am nächsten Morgen weckt der Hoteldiener den weißen Reisenden, der in letzter Sekunde den Zug erreicht. Taumelnd begibt er sich in sein Abteil. Er blickt in den Spiegel und brüllt, außer sich vor Wut: "Jetzt hat der Dummkopf doch den Nigger geweckt!"

Diese Anekdote, die Ernst Bloch in seinem Buch Spuren (1930) erzählt, müsste jedem Amerikaner einleuchten, der sich die jüngsten Filme Clint Eastwoods, Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima, ansieht. Man geht in einen rauschhaften amerikanischen Kriegsfilm und wacht als der Feind auf. Man sieht die amerikanische Erstürmung einer japanischen Insel – und kämpft mit den Japanern.

Eastwood, der als Schauspieler lange die Maxime "Er oder ich" verkörpert hat ("Das Schießen geht in Ordnung, solange die Richtigen erschossen werden", sagt er als Dirty Harry), hat zwei Filme über den Pazifikkrieg gemacht, einer begleitet die Attacke der Amerikaner (80000 Soldaten), der andere verschanzt sich mit den Japanern (22000 Soldaten). Man muss sie nacheinander sehen, dann werden sie zu Antikriegsfilmen. Sie widerlegen den alten Spruch, dass Menschen Erfahrungen nicht weitergeben können – wenn man diese Filme sieht, macht man die Erfahrung totaler Vernichtung, ohne selbst zu krepieren (in der Schlacht starben 7000 Amerikaner und 21000 Japaner).

"Der durchschnittliche US-Soldat war 19 Jahre alt", sagt Eastwood, "das Durchschnittsalter der Japaner war noch etwas geringer. Das Leben hat gerade erst begonnen, und dann wirst du gezwungen, es zu opfern. So war es immer. Die Menschheit scheint nicht viel gelernt zu haben auf ihrem Weg vom Einzeller zum vielzelligen Organismus."

–Als junger Mann, Mr. Eastwood, haben Sie die Gewalt immer elegant und plausibel aussehen lassen; man kam, wenn man mit Dirty Harry unterwegs war, gar nicht auf die Idee, den Opfern eine Träne nachzuweinen.

"Ja", sagt Eastwood, "die Waffe war Harrys Co-Star. Er war ein Mann, der auf der richtigen Seite kämpfen wollte, aber er machte es sich ziemlich einfach. Er hasste die Bürokratie, und er hasste die Bad Guys. Heute sind die Bad Guys nicht mehr so leicht zu erkennen; manche sind vielleicht gar nicht so übel. Sie haben ihre Probleme und plausible Gründe für ihr Handeln. Es geht also darum, die andere Seite ein wenig zu verstehen. Die Leute, die im Zweiten Weltkrieg starben, die Deutschen, Japaner, Engländer, Amerikaner, hätten sich freundschaftlich gegenüberstehen können, wenn nur ein paar kleine Ereignisse anders gelaufen wären."