Für mich die Stadt, aus der die Musik kommt: New Orleans, Louisiana. (Für andere ist es Salzburg oder Seattle.) Nicht dort gewesen, seit sie weitgehend weggespült wurde. Quälendes, mich verfolgendes Wissen, dass viele Häuser, die ich besuchte, zerstört sind: Allen Toussaints legendäres Sea-Saint Studio (die master tapes der Meters, des Lee Dorsey, des Dr. John, der jungen Irma Thomas, des jungen Aaron Neville von kontaminiertem Schlamm verätzt), das Haus der Rebirth Brass Band oder das von Alex Chilton, die Neighborhood Bars außerhalb der unzerstörten, erhöht gelegenen, von Touristenmassen durchströmten Innenstadt, in funky Vierteln (die schon in den 1980er Jahren, als ich zum ersten Mal hinkam, auf den Stadtplänen des Fremdenverkehrsamts prophylaktisch geschwärzt waren), in denen ich die beste Musik der Welt hörte, juvenile afroamerikanische Blaskapellen zum Beispiel, die Michael Jacksons Don’t Stop Till You Get Enough coverten. BILD

Als ich Allen Toussaint, einen der inspiriertesten R&B- und Pop-Produzenten aller Zeiten, 1988 in seinem eleganten Anwesen interviewte, bot er meiner Frau als Erstes einen Bikini an und lud sie ein, in seinem Pool zu baden. Setzte sich dann an seinen Flügel und intonierte ein paar Takte Mozart, ein bisschen sich selbst und einige Licks des großen Professor Longhair. Nummernschild seines damals schon nicht mehr ganz neuen, goldfarbenen Rolls-Royce: P-I-A-N-O.

Letzten Sommer setzte ihm Elvis Costello mit The River in Reverse (Verve), Seite an Seite, ein Denkmal (mit rührenden Rekonstruktionsversuchen klassischer Einspielungen). Meiner CD liegt eine DVD bei, auf der man die beiden (Toussaint lebt jetzt in New York) durch die verwüstete Crescent City fahren sieht. Noch zu empfehlen: Das Benefiz-Album Our New Orleans (Nonesuch), Dr. John: Sippiana Hurricane (Parlophone), The Dirty Dozen Brass Band: What’s Going On (Universal). Wobei Hurrikan Katrina nicht den ersten Exodus New Orleanser Musiker markiert: 1917 war es der Kriegseintritt der USA und die damit verbundene Schließung des Vergnügungsviertels (Fluchtpunkt Chicago), in den 1960er Jahren eine verschärfte Antidrogenpolitik (Fluchtpunkt Kalifornien), und auch heute geht der größte kulturelle Schaden auf das Verhalten von Politikern zurück. Doch die Musik fand immer wieder nach Hause.