D ie Frau ohne Schatten von Richard Strauss gehört zu den mächtigen Buttercremetorten des Opernrepertoires. Manche verdrehen die Augen vor Begeisterung, anderen wird schlecht davon. Sie ist nicht so süß wie der Rosenkavalier, dafür hat der Textdichter Hugo von Hoffmannsthal den Symbolismus des Sujets umso höher getürmt. Das Stück changiert zwischen einer aristokratischen Jenseitssphäre und einer kellerasseligen Menschenwelt, erzählt von der Suche einer Kaiserin nach ihrem Schatten, dem Symbol weiblicher Fruchtbarkeit. Nur durch Gebärfähigkeit kann sie den Geliebten davor bewahren, zu versteinern. Und jammernd singt im Hintergrund ein Chor der ungeborenen Kinder. Die hehre Prüfungsmärchen-Botschaft der Oper, dass höchstes (Mutter-)Glück nur durch Verzicht und Läuterung zu erlangen ist, klumpt etwas. Aber der Orchesterklang ist von großer Raffinesse.

Die Frau ohne Schatten ist die erklärte Lieblingsoper von Simone Young, der Generalmusikdirektorin und Intendantin der Hamburgischen Staatsoper. Niemand hat das Riesenwerk, in dem die Sänger Anspruchsvollstes zu singen haben und der Orchestergraben überquillt von geteilten Streichergruppen, vervierfachtem Blech, Glasharmonika, chinesischem Gong und Celestas, in den letzten Jahren so oft dirigiert wie sie. Für die Hamburger Neuproduktion hat sie sich deshalb viel vorgenommen. Ein glühendes Richard-Strauss-Bekenntnis sollte der Abend werden und eine wichtige Wegmarke ihrer künstlerischen Linie – weg von der Regiedominanz der Ära Metzmacher/Konwitschny und deren aufreizenden Stückbefragungen, hin zum gediegenen Opernerlebnis, in dem die Sänger und das Orchester wieder den Ton angeben.

Alles schien bestens gerichtet: Young hat die sonst üblichen kräftigen Striche in der Partitur allesamt aufgemacht, um das Stück in seiner ganzen Pracht ausbreiten zu können. Sie hat bei den Sängern extra prominent eingekauft und mit dem Engländer Keith Warner einen bewährt gemäßigten Regisseur verpflichtet. Aber am Ende stehen die Ausführenden an der Rampe, und ein Buhsturm geht auf sie nieder. So wütend hat die Hyäne Publikum in Hamburg schon lange nicht mehr aufgeheult. Der Unmut trifft Regieteam, Solisten und Dirigentin gleichermaßen. Schon vor dem Schlussakkord brüllt jemand vom Rang herab: "Gott sei Dank ist das vorbei." Und die bisher mit so viel Sympathien bedachte Simone Young muss sich nun zum ersten Mal seit ihrem Amtsantritt fragen, ob sie mit ihrer konservativen Wende wirklich richtig liegt. Vielleicht ist die Liebe der Hamburger zu Richard Strauss nicht so grenzenlos wie in München, Wien oder Dresden. Vielleicht ist auch der alten Metzmacher-Klientel endgültig der Kragen geplatzt, weil sie sich szenisch unter ihrem Reflexionsniveau abgeholt fühlt. Oder kam an diesem missglückten Abend doch nur eins zum anderen: Regieunvermögen plus Sängerabstürze plus Stücküberlänge?

Keith Warner hat sich die Proteste mit seiner thesenfreien, auf unbedarfte Schaueffekte zielenden Bebilderung des komplizierten Stoffs redlich verdient. Erst lässt er das Stück abstrakt vor einer Lichtwand spielen, dann darf sogar ein Pappkrankenwagen auf die Bühne rollen. Vier Stunden lang will er der Musik mit eigenen Ideen nicht zu nahetreten, aber ausgerechnet an die Liebesapotheose des Schlusses, auf die alles zuläuft, mag er nicht glauben. Sie verrät er an den sauren Kitsch: Auf einer Wiese mit Flüsschen und roter Zengartenbrücke tummeln sich die Paare, und unterm blühenden Kirschbaum wartet schon herzallerliebst der Kinderwagen. Die (mit Ausnahme von Emily Magee als Kaiserin) geschmähten Sänger hatten ebenfalls keinen guten Tag: Daniel Sumegis Barack klang dumpf röhrend, als sei ihm der Bariton hinter das Gaumenzäpfchen gerutscht. Lisa Gasteen neigte als Färbersfrau zum Forcieren. Und Gabriele Schnaut verfügt leider nur noch über die Ruine eines hochdramatischen Soprans: Mit einem nervtötenden Dauerespressivo stemmt sie die Partie der Amme und agiert dabei wie eine aus der Fassung geschraubte Stummfilm-Diva.

Immerhin hält Simone Young den Riesenorchesterapparat souverän zusammen und ist darauf bedacht, nicht im üppigen Farbklangrausch unterzugehen. Nach einem distanziert und mitunter arg stumpf klingenden ersten Akt findet sie immer besser ins Stück, stützt die Sänger, wo sie kann, und treibt die zähe Handlung temperamentvoll voran. Aber bei der Frau ohne Schatten ist mit Kapellmeister-Tugenden allein noch nichts gewonnen. Man muss schon ein paar über die Musik hinausgehende Vorstellungen davon haben, was das Stück uns heute eigentlich soll. Darauf besteht auch das Hamburger Publikum, wie die Intendantin jetzt schmerzlich erfahren hat.