Hätte es vorher nicht die exzellente Maronisuppe gegeben, man würde die Capuns (Krautwickel) für den kulinarischen Höhepunkt des Abends halten. Um der Bündner Spezialität dieses feine Aroma zu geben, braucht man im Hotel Ucliva nicht einmal den sonst üblichen Speck. Es genügen die Mangoldblätter vom Biobauern und die Kräuter, die im eigenen Garten gezogen werden. Das Ökohotel wird praktisch CO2-neutral geheizt BILD

Das Ucliva ist die materialisierte Antwort auf die Frage, die sich in Waltensburg Mitte der siebziger Jahre stellte: Wie kann man im Berggebiet überleben, wenn die Landwirtschaft zunehmend unrentabel wird? Alles schien entschieden – man liebäugelte mit den Plänen eines Investors, fünfzig in Deutschland vorgefertigte Schwedenhäuser aufzustellen. Doch eine ungewöhnliche Koalition zwischen jüngeren und älteren Einwohnern wollte das gewachsene Bauerndorf nicht im »internationalen Chalet-Heimatstil« versinken sehen, setzte sich im Gemeinderat durch und entwarf ein demokratisches, antispekulatives und umweltgerechtes Gegenmodell zum landschaftsfressenden Zweitwohnungsbau. Handwerker aus Dorf und Umgebung bauten nun mit heimischen Materialien ein einziges, dezent in die Landschaft eingepasstes Haus direkt an den Skilift – das genossenschaftlich geführte Ucliva.

Das war 1983. Inzwischen steht neben dem ältesten Ökohotel der Schweiz noch das Uclivetta, ein Tagungshaus mit Kursräumen. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben: Die Zimmer sind schlicht, hell, naturholzgeprägt und frei von elektrischen Geräten. Die gleiche rustikale Gemütlichkeit herrscht im Gastraum. Die dicken Platten der Tische sind aus unbehandeltem Fichtenholz, Tischdecken gibt es keine, dekoriert wird ausschließlich mit Naturprodukten oder, im Sommer, mit frischen Wiesenblumen.

So konservativ dieser Purismus auch scheint, unter der schlichten Oberfläche verbergen sich beispiellose Innovationen. Durch Solaranlagen, Wärmerückführung und die computergesteuerte Holzschnitzelheizung funktioniert der Betrieb inzwischen praktisch CO₂-neutral. Versorgt wird der Gast mit frischen Produkten, die alle aus der Region stammen und meist auch ein Öko-Zertifikat haben. Dazu gibt es Fair Trade-Kaffee zum normalen Kaffeehauspreis, Fleischgerichte mit Herkunftsgarantie und Vollwertkost auf dem Niveau der Haute Cuisine, wenngleich man auf Wunsch hier auch Pommes bekommt. Während sich in anderen Dreisternehotels am Frühstückstisch der Verpackungsabfall häuft, bleiben hier nur die Teeblätter und die Eierschalen übrig, und die wandern auf den Komposthaufen hinter dem Haus. Als eines der ganz wenigen Hotels in Europa hat das Ucliva nun einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt und seine Ausnahmestellung damit bekräftigt.

Unverändert erhalten hat sich das Ethos der Gemeinschaftlichkeit: Zweier- und Vierertische gibt es im Restaurant nur auf besonderen Wunsch. Paare und Einzelgäste sollen nicht voneinander isoliert bleiben, sondern sich mit anderen zusammensetzen – eine Idee, die im Zeitalter des Individualismus nicht jeden begeistert. Vor lärmenden Kindern ist man jedoch sicher. Die haben einen eigenen, vorbildlich ausgestatteten Spiel- und Speisesaal und ein fernsehfreies Unterhaltungsprogramm der Superlative.

Das Ucliva ist im Ranking der familienfreundlichsten Schweizer Hotels bereits auf Platz acht vorgerückt. Die wachsende Anerkennung in der Öffentlichkeit ist allerdings auch nötig. Denn die Tage der beinahe hundertprozentigen Auslastung sind lange vorbei. Die mehr als tausend Genossenschafter kommen nicht mehr so zahlreich wie früher. Und im Ausland ist das von eidgenössischen Auszeichnungen überhäufte Etablissement kaum bekannt. Dass es immer wieder an betriebswirtschaftlicher Cleverness fehlte und die Einlagen der Öko-Aktionäre nun vollends weg sind, muss den Gast nicht stören. Wenn ihm verborgene Qualitäten wie Energiebilanz und Sozialverträglichkeit genauso wichtig sind wie vorzügliche Biokost und eine freundliche Atmosphäre, hat er zum Ucliva kaum eine Alternative.