Teresina Moscatiello, (31), war erst selbst Statistin der US-Armee, dann drehte sie einen Film über die Kriegssimulationen. Die Regisseurin ist gebürtige Italienerin, sie lebt in Berlin

DIE ZEIT: Frau Moscatiello, in Ihrem Dokumentarfilm Weltverbesserer auf dem Schlachtfeld erzählen Sie die Geschichte von vier Deutschen, die im Bayerischen Wald als Statisten für die US-Armee arbeiten – der Film läuft seit Kurzem in den Kinos. Vor den Dreharbeiten haben Sie selbst an einem derartigen Rollenspiel der US-Armee teilgenommen. Gegen Bezahlung spielen Deutsche in der Oberpfalz für vier Wochen irakische Zivilisten und Terroristen. Was passiert da?

Teresina Moscatiello: Zunächst bewirbt man sich bei einem Casting. Man wird fotografiert und gefragt, warum man teilnehmen möchte. Ich habe gesagt, dass ich Geld brauche. Als Motivation hat das offenbar gereicht. Mit Bussen werden dann Hunderte von Statisten aus ganz Deutschland nach Bayern gefahren, wo die Amerikaner auf einem abgesperrten Militärgelände mehrere Dörfer nachgebaut haben. Die Häuser sind unverputzte Rohbauten, aber jedes Dorf hat in dieser Simulation eigene Läden, Cafés und natürlich eine Moschee. Dann bekommt jeder Statist von dem Spielleiter seine Rolle zugewiesen.

ZEIT: Welche Rolle haben Sie gespielt?

Moscatiello: Ich war die zweite Frau eines Scheichs. Mein Mann war den Amerikanern freundlich gesinnt. Die Bevölkerung der Dörfer ist dabei realen Vorbildern im Irak nachempfunden, mitsamt der sozialen Hierarchie und der ethnischen Zusammensetzung. Mein Dorf etwa hieß Muqdadiyah. Das ist eine größere Stadt nordöstlich von Bagdad, nicht weit von der iranischen Grenze.

ZEIT: Was ist das Ziel des Rollenspiels?

Moscatiello: Die amerikanischen Soldaten müssen Terroristen ausfindig machen, die sich unter den Zivilisten verstecken. Sie sollen dabei lernen, zwischen freundlich und feindlich gesinnten Irakern zu unterscheiden. Statisten in der Rolle der Terroristen versuchen natürlich, möglichst viele Soldaten zu töten – durch Anschläge und Heckenschützen. Jeder trägt dort eine Weste mit einem Empfänger. Die Gewehre senden ein Lasersignal, und wenn man getroffen wird, piepst es. Kurzes Piepsen heißt, man wurde verwundet. Langes Piepsen bedeutet, man ist tot.

ZEIT: Vergisst man irgendwann, dass es nur ein Spiel ist?

Moscatiello: Es bildet sich schon ein Gemeinschaftsgefühl – wir gegen die fremden Soldaten, gegen die Eindringlinge. Je länger die Simulation dauert, desto häufiger hört man Rufe wie "Mörder" und "Ami, go home". Das Spiel schafft sich seine eigene Realität. Und vor allem ist es für die Soldaten ganz real, weil sie genau wissen, dass sie drei Wochen später diese Situation auch im Irak erleben werden. Die Soldaten sind meist noch richtige Bubis – 20, 22 Jahre alt. Sie sind das erste Mal außerhalb der USA, und bei den nachgestellten Demos steht plötzlich einer von ihnen allein vor 30 aufgebrachten Menschen, die in einer fremden Sprache auf ihn einschreien. Ob die nun auf Deutsch oder Arabisch brüllen, macht da eigentlich keinen Unterschied. Die Ausbilder wollen sehen, wie die Soldaten unter diesem Druck reagieren. Und ich habe viele gesehen, die danach richtig fertig waren und geweint haben.

ZEIT: Und wer sind diese Leute, die sich freiwillig als Statisten für wochenlange Kriegsspiele melden?

Moscatiello: Das sind sehr unterschiedliche Menschen. Jede Altersgruppe ist dabei, viele Arbeitslose und natürlich sehr viele Studenten. Interessant fand ich, dass viele von ihnen Kriegsdienstverweigerer waren und den Irakkrieg vehement ablehnen. Trotzdem haben sie kein Problem damit, für die US-Armee zu arbeiten. Sie sagen, sie machen es nur wegen des Geldes. Den Kontext blenden einige völlig aus. Für meinen Film habe ich Protagonisten ausgewählt, die genau diese Widersprüche in sich tragen.

ZEIT: Man könnte das Verhalten dieser Leute auch positiv sehen. Sie versuchen mitzuhelfen, dass es weniger zivile Opfer im Irak gibt.

Moscatiello: Einige sehen ihre Rolle tatsächlich so. In meinem Film erzählt ein Protagonist davon, wie enttäuscht er ist, wenn er nach vier Wochen in dem Simulations-Camp nach Hause kommt und im Radio hört, dass wieder zehn Zivilisten im Irak von GIs getötet wurden. Dann fragt er sich schon, ob diese Übungen überhaupt einen Sinn haben.

ZEIT: Suchen manche auch einen besonderen Kick beim Kriegspielen?

Moscatiello: Einmal raus aus dem Alltag zu kommen – das macht dieses Übung für viele attraktiv. Es ist eine gewisse Abenteuerlust dabei. Und viele fasziniert auch die klare Konfrontation, die es in dem Kriegsspiel gibt. In unserer abstrakt gewordenen Welt erlebt man diese klaren Konfrontationen heute kaum mehr. Und hier kann man für ein paar Wochen einfach in eine Welt eintauchen, in der das Feindbild wieder eindeutig ist. Es ist schon ironisch: Während die Soldaten in der Simulation üben sollen, zu differenzieren, zieht viele deutsche Statisten gerade das klare Schwarzweißdenken an.

ZEIT: Sie begannen im Jahr 2003 mit den Arbeiten an Ihrem Film und begleiteten Statisten und Soldaten über lange Zeit. Haben sich die Übungen der US-Armee in den fast vier Jahren des Irakkonflikts verändert?

Moscatiello: Zu Beginn waren die Simulationen etwas starrer, liefen immer nach einem holzschnittartigen Muster ab. Die Amerikaner werten ihre Einsätze im Irak aber genau aus, und das Geschehen wird in die neuen Rollenspiele aufgenommen. Zudem kommen Soldaten mit Kampferfahrung aus dem Irak zurück und arbeiten dort als Ausbilder. Daher werden die Kriegssimulationen in der Oberpfalz wohl immer realistischer.

Das Interview führte Jan Pfaff

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