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Der Islam ist die Religion des Erhabenen. Doch wer heute seine bleibende Botschaft sucht, muss sich durch einen Wust von Politik und Ideologie graben. Nicht nur Außenstehenden geht es so, auch die Muslime selbst müssen ihre großartige Religion heute vor Instrumentalisierung und Banalisierung in Schutz nehmen, manchmal gegen ihre höchsten Autoritäten: In der letzten Woche gab eine Professorin der Al-Azhar-Universität in Kairo eine Fatwa über den Valentinstag heraus. Der Islam, mahnt die gestrenge Al-Azhar, »verbietet die blinde Nachahmung des Westens. Darum ist die Feier des so genannten Valentinstags eine Neuerung (Bid‘ah), die keine religiöse Grundlage findet.« Die Kaaba in Mekka, das Zentrum und Pilgerziel der muslimischen Welt BILD

Man sollte meinen, es sei ein wenig unwürdig für die älteste islamische Fakultät der Welt (gegründet 975), sich mit derart harmlosen Dingen zu beschäftigen. Die Valentinsfatwa ist aber durchaus symptomatisch für den Zustand des institutionalisierten Islams: kulturell defensiv, scholastisch erstarrt und irgendwie freudlos. 1300 Jahre islamischer Theologie – voller atemberaubender Höhenflüge des Rationalismus und der Mystik – scheinen in einem kleinkarierten Abwehrkampf gegen alles Westliche enden zu wollen.

Der Windmühlenkampf der Al-Azhar gegen den Valentinstag findet seine Analogie in unseren ritualisierten Moscheebau-Streitigkeiten. Denn der Angst vieler Muslime vor Ansteckung mit westlicher Dekadenz entspricht die Angst vor der Islamisierung Europas. Die zunehmende wechselseitige Durchdringung der islamischen Welt und des Westens im Zeichen von weltweiter Migration, Rückkehr der Geopolitik und ökonomischer Globalisierung macht beide Seiten nervös. Muslime sehen sich als Opfer einer feindseligen, »islamophoben« Stimmung. Doch die Konversionen zum Islam nehmen seit dem 11. September 2001 zu. In der Bundesrepublik sind zwischen Juli 2004 und Juni 2005 etwa 4000 Menschen konvertiert – viermal so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Es ist nicht schwer, Muslim zu werden: Man spricht die Schahada, das Glaubenbekenntnis, vor zwei muslimischen Zeugen (»Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Mohammed sein Gesandter ist«). Der Islam ist im Kern eine einfache Religion. Gerade dies zieht viele christliche Konvertiten an: eindeutiger Monotheismus, keine Erbsünde, keine Ambivalenz in der menschlichen Natur. Die Schöpfung ist gut und gerechtfertigt, weil sie von Allah erschaffen wurde. Der Koran ist das unverfälschte Wort Gottes und enthält alles, was der Mensch zur »Rechtleitung« braucht. Mohammed war ein Mensch, wenn auch ein ganz besonderer. Punkt. Aus.

Nicht nur Konvertiten, auch geborene Muslime schätzen die Klarheit, Entschiedenheit und das Positive der Botschaft Mohammeds: das eindeutige Gottesbild (statt der vertrackten Dreiecksgeschichte der Trinität), die heroische Leitfigur des Propheten (anstelle des leidenden und zweifelnden Christus), die klaren Unterscheidungen von Verbotenem und Erlaubtem (statt der christlichen Dialektik der menschlichen Freiheit), die Unantastbarkeit der Schrift (anstelle der kritischen Bibelwissenschaft). Und ebenda beginnen die Probleme. Denn was den Stolz der Muslime ausmacht, darin sieht der Rest der Welt lauter Gründe für ihre Rückständigkeit. Wohl bei keiner anderen Weltreligion klaffen das Selbstbild und die Außenwahrnehmung so sehr auseinander wie beim Islam.

Wenn man näher zusammenrückt, fällt das Unterscheidende deutlicher ins Auge. Das ist das Paradox des interreligiösen Dialogs: Gerade dabei stößt man auf Differenzen, die man aus der Distanz geflissentlich übersehen konnte. Bequeme Formeln wie die vom »Glauben an den gleichen Gott« kommen nur dem leicht über die Lippen, der noch nie in der Verlegenheit war, einem frommen Muslim zu erklären, dass Jesus keineswegs nur irgendein Prophet, sondern »wahrer Gott und Mensch zugleich« sei. Wer es versucht, erntet jenes mitleidige Lächeln, mit dem die Besitzer des einzig wahren, glasklaren Monotheismus auf die bedauernswerten christlichen »Schriftbesitzer« herabschauen, die nur eine verwässerte Form abbekommen haben. Christen und Muslime glauben an den einen Gott, der die Welt geschaffen hat und sie am Ende der Tage richten wird. Doch sie machen sich sehr verschiedene Begriffe von ihm.

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Der Koran ist nicht »gleichsam der Türcken Bibel«, wie es im Grimmschen Wörterbuch heißt. Die Analogie trügt, wie kürzlich ein deutscher Politiker erfahren musste. Er hatte seinen türkischen Kollegen gebeten, einen als Geschenk mitgebrachten Pracht-Koran doch bitte mit einer persönlichen Widmung zu versehen. Das ließ den Besucher erstarren: Für ihn ist der Koran mehr als eine heilige Schrift. Er ist göttlicher Text, Gottes eigenes Wort, »ungeschaffen« herabgesandt durch den Engel Gabriel an den Propheten. Seine Herabsendung ist für Muslime das entscheidende Heilsereignis.

So berechtigt die Rede von der heutigen Krise des Islams sein mag: Sie verdeckt, dass der Islam von Beginn an eine überaus erfolgreiche Religion war. Das Judentum hatte seinen Glauben an den einen Gott als Antwort auf die Erfahrungen der Verschleppung, der Vernichtung und des Exils entwickelt. Das Christentum bezog seine Kraft aus der Niederlage am Kreuz, die sich als Triumph erwies. Der Islam hingegen brachte seinen ersten Anhängern geradezu unglaubliche Erfolge und Machterlebnisse. Der Prophet gab den Arabern einen Kult, der sie binnen Kurzem spirituell wie politisch auf die Weltbühne katapultierte. Mohammed ist zwar für Muslime ganz und gar Mensch, aber im politischen Sinn war er ein Erlöser.

Mohammed widerlegte den Verdacht, Gott habe die Araber vergessen, während er Juden und Christen Propheten und heilige Bücher geschickt hatte. Er hatte ihnen vielmehr das »Siegel der Propheten« vorbehalten und mit ihm die endgültige Mahnung und »Rechtleitung«. Aus Vorformen des arabischen Monotheismus schuf Mohammed den strikten Eingottglauben. Als alleiniger Schöpfer, Bewahrer, Lenker und Richter der Welt verlangte Allah stete Hinwendung der Gläubigen – und die Ausrichtung ihres gesamten Lebens auf ihn.

Vier Daten begrenzen den Lebensweg des Propheten: 570, 610, 622, 632. Sie markieren die Geburt in Mekka, die erste Offenbarung, die Auswanderung (Hedschra) nach Medina und seinen Tod als unbestrittener Herrscher ganz Arabiens. Wie alle Propheten brachte Mohammed durch seine Mahnung enormen Stress in seine Gesellschaft: Der Einzelne sollte sein Leben umstellen und nicht nur die neuen rituellen Pflichten (Glaubensbekenntnis, regelmäßiges Gebet, Almosen, Fasten, Pilgerfahrt) erfüllen, sondern sich auch stetig prüfen, ob er den rigorosen ethischen Anforderungen genügte, nach denen am Ende der Tage abgerechnet werden würde. Die Stimmung in Mekka wandte sich gegen ihn, bis er mit seinen Anhängern nach Yathrib (Medina) emigrierte. Das Verlassen des Clans war unerhört, geradezu eine Blasphemie gegen die Werte der Stammesgesellschaft.

Mohammed gründete eine neue Art von Gemeinschaft, einen Superclan, der sich nicht mehr durch Abstammung, sondern durch die Hinwendung zum gemeinsamen und einzigen Gott definierte. Medina stand bald hinter ihm, mit Ausnahme der drei jüdischen Stämme, die sich zu Mohammeds großer Enttäuschung nicht von seinem Prophetentum überzeugen ließen. Sie wurden vertrieben, vernichtet oder in die Sklaverei verkauft. Die Änderung der Gebetsrichtung von Jerusalem nach Mekka war die Unabhängigkeitserklärung von den beiden anderen Monotheismen. Die Umma wandte sich nun der Kaaba zu und demonstrierte damit den Anspruch, den ursprünglichen Monotheismus wiederherzustellen. Die Kaaba nämlich, hieß es nun, sei das ursprüngliche Heiligtum des Stammvaters Abraham (Ibrahim) gewesen. Die Muslime nahmen keinen Umweg mehr über den Glauben der Juden und Christen. Sie hatten den direkten Weg zu Gott eingeschlagen. Nach acht Jahren im Exil in Medina kehrte Mohammed im Triumph in seine Heimatstadt Mekka zurück. Er entfernte alle Götzenbilder aus der Kaaba, die fortan nur noch Allah zustand.

Die anstößige Frage des vom Papst zitierten byzantinischen Kaisers, was Mohammed denn »Neues gebracht« habe, geht am Selbstverständnis des Propheten vorbei. Der Islam zog seine revolutionäre Kraft paradoxerweise gerade daraus, nichts Neues, sondern das unverfälschte Alte zurückgebracht zu haben. Das Christentum feiert den Bruch, den Jesus vollzog (auch wenn er »die Schriften erfüllt«). Der Islam aber tritt auf als eine konservative Revolution zur Wiederherstellung der alten Religion der Menschheit.

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Die Araber spielten im göttlichen Heilsplan also doch eine Rolle. Aus der Gewaltgesellschaft der Nomadenstämme schuf Mohammed eine religiös-politische Bewegung, die durch einen gemeinsamen Glauben angetrieben und durch Verträge zusammengehalten wurde. Die Energien, die der Islam freisetzte, wurden in die Offensive investiert: Nur 100 Jahre nach dem Tod des Propheten erstreckte sich das Weltreich der Araber vom Indus bis an die Rhone. Dieser sagenhafte Triumph, der jahrhundertelang der Stolz der Muslime war, ist in einer interdependenten Weltgesellschaft ein problematisches Erbe. Man konnte das jüngst erfahren, als der Papst an die kriegerische Verbreitung des Islams erinnerte. Den 38 muslimischen Gelehrten, die seiner Regensburger Rede antworteten, war die Erinnerung an die historischen Tatsachen so peinlich, dass sie sie in Abrede stellten.

Es wäre bizarr, friedliebende Muslime von heute für die Frühzeit des Islams in Haftung zu nehmen. Es geht vielmehr darum, den Anteil an kriegerischer Spiritualität im frühen Islam ohne Scheuklappen zur Kenntnis zu nehmen und zu historisieren. Es wäre ein Beitrag zur Terrorprävention, denn die »Dschihadisten« glauben ja, sich auf den Propheten und seine Gefährten berufen zu können. Wichtiger noch: Nur durch Historisierung lässt sich die universale ethische Botschaft des Islams von den Daseinsmustern des arabischen Mittelalters lösen. Der Islam gehört nicht mehr den Arabern. Er ist ein globales Phänomen, von Djakarta über Neukölln bis Dearborn, Michigan. Die Theologie muss sich noch darauf einstellen.

Die Vergangenheit ist für die Muslime nicht vergangen, wie die Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten zeigen, die ihr Feuer auch heute noch aus der Frage nach der legitimen Nachfolge des Propheten ziehen. Aus der Kampfgemeinschaft von Medina bildete sich die umfassendere Gemeinschaft der Umma, die »beste Gemeinschaft, die je unter den Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet, was Recht ist, und verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Gott.« (Sure 3, 110)

Eine Gemeinschaft, die ihren politischen Erfolg als Wirken Gottes in der Geschichte erlebt, muss von Spaltung, Bürgerkrieg und Misserfolgen kalt erwischt werden. Als Reaktion auf die politischen Ereignisse der folgenden Jahrhunderte – die Schismen, die Bruderkriege, die imperiale Überdehnung – entstand die islamische Theologie. Sie musste die wachsenden Widersprüche zwischen dem Absolutismus der Kalifen, dem ethnischen und religiösen Pluralismus des riesigen Reiches und den überkommenen Idealen der Ur-Umma von Medina intellektuell verarbeiten.

Der Prophet wurde im Rückblick auf den verklärten Anfang zum idealen Menschen, auf dessen überlieferten Urteilen und Handlungen (Hadith) ein ausgefeiltes Rechtssystem, die Scharia, errichtet wurde. Etwa 300 Jahre nach dem Tod des Propheten wurden im Sunnitentum die »Tore der Interpretation« (Idschtihad) geschlossen. Die Orthodoxie, die alles aus einer Sure oder einem Hadith erklären kann, setzte sich historisch durch. Sie drängte Freigeister, Rationalisten und Mystiker an den Rand. Die Rechtgläubigkeit hat zwar den Ruf nach dem freieren »Islam des Geistes« nie ganz ersticken können, beherrscht aber den Mainstream.

Ihren populärsten Ausdruck findet die Orthodoxie heute in dem greisen Scheich Jussuf al-Quaradawi. Millionen sehen seine Sendung »Die Scharia und das Leben« auf al-Dschasira. Sein Buch Erlaubtes und Verbotenes im Islam ist seit Jahrzehnten ein Bestseller. Darin wird das ganze Leben säuberlich in halal und haram eingeteilt: Laufsport und Ringkampf sind erlaubt (hat der Prophet selbst gern betrieben). Backgammon ist verboten (wegen der Würfel), Schach erlaubt (kein Glücksspiel). Statuen und Figuren mit menschlicher Proportion sind nicht gestattet (außer Puppen für Kinder). Männern ist es verboten, Kleidung aus Seide zu tragen (außer bei Krätze). Männliche Selbstbefriedigung ist erlaubt (wenn Fasten nicht hilft). Ungehorsame Frauen dürfen notfalls geschlagen werden (nicht ins Gesicht). Frauen ist das Zupfen von Augenbrauen untersagt (erinnert an Prostituierte). Perücken und Haarteile sind haram (weil Juden dazu neigen). Barttragen wiederum ist empfohlen (weil Juden und Christen es nicht tun). Und immer so weiter. Intimste Dinge werden zur Islamisierung des Alltags durchdekliniert. Immer gibt es Belege aus dem Leben des Propheten. Die Tradition wird zum geistigen Gefängnis.

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Eine wachsende Minderheit von muslimischen Intellektuellen versucht, die Luke dieses Kerkers aufzustoßen. Der Mufti von Marseille, Soheib Bensheikh, kritisiert es, »die Überlieferungen wie eine Bedienungsanleitung zu lesen«. Fazlur Rahman aus Pakistan hat schon vor Jahrzehnten die Unterscheidung zwischen historischem und normativem Islam eingeführt. Auch der Iraner Abdolkarim Soroush trennt die überzeitliche Offenbarung scharf vom wandelbaren religiösen Wissen der Theologen. Der Ägypter Nasser Hamid Abu Zaid liest den Korantext mit den Mitteln der modernen Literaturwissenschaft. Und in Ankara ist eine ganze Schule von liberalen Theologen dabei, das heilige Buch als historisch-hermeneutisch auszulegen. Diese Versuche, die »Tore des Idschtihad« wieder zu öffnen, sind Hoffnungszeichen. Allerdings leben viele Vertreter des liberalen Islams in Todesangst vor radikalen Glaubensgenossen.

Von der Freiheit dieser Theologen, mit ihrer Arbeit weiterzumachen, hängt in unserer vernetzten Welt nicht nur für die Muslime viel ab. In einer Krise fällt es naturgemäß besonders schwer, die ruhmreichen Anfänge nüchtern zu betrachten. Es ist für die allermeisten Muslime noch undenkbar, etwa die unabweisbar kriegerischen Züge des Vorbilds Mohammed zu historisieren. Dahinter steht die Angst, dass sich alles in Relativismus auflöst. Ganz unberechtigt ist sie nicht.

Die älteren Verwandten des Islams, Judentum und Christentum, sind Religionen mit großem Pathos: das Judentum mit seinem Traum der Erlösung des erwählten Volkes aus Bedrängnis, das Christentum mit dem Versprechen individueller Erlösung durch das Leiden des Gottes der Liebe. Der Islam ist bemerkenswert frei davon, die Beziehung von Gott und Mensch derart zu dramatisieren. Die (für Christen fast erschreckende) Nüchternheit des Verhältnisses von Gott und Mensch gibt der muslimischen Frömmigkeit das Unverwechselbare. Kein anderer Monotheismus hat die Absolutheit und Transzendenz Gottes so konsequent zu Ende gedacht wie der Islam. Er stellt den Menschen direkt und unvermittelt vor einen Gott, der in seinem alles übersteigenden Anderssein auch dem Frommsten immer entrückt bleiben muss. Diese Gotteserfahrung zwischen Unmittelbarkeit und absoluter Transzendenz ist die große Gabe des Islams an die Menschheit. Sie ist heute verschüttet unter Bergen von politischer Ideologie und steriler Buchstabengelehrsamkeit. Doch die Grabungen haben begonnen.

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