DIE ZEIT: Das erste Heft Ihrer Zeitschrift für Ideengeschichte erscheint in diesen Tagen. Was ist das, eine Idee? Je näher man ihr tritt, desto ferner sieht sie einen an.

Ulrich Raulff: Ernst Panofsky, einer der erfindungsreichsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts, hat einmal gesagt, er habe alle sechs Wochen eine Idee, und in der Zwischenzeit arbeite er. Diesen Unterschied zwischen Idee und Arbeit kennt jeder. Wir, die Mitarbeiter der Zeitschrift, kommen aus der Arbeit in den Archiven, uns interessiert also nicht die philosophische Essenz der Idee, sondern wie Ideen überliefert worden sind. Wie sie ins Spiel gebracht wurden, umkämpft waren, gescheitert sind, überlebt haben. Uns interessiert die Geschichte ihrer Bedeutungen, die sich in verschiedenen Kontexten ändern. Wir wollen wissen, wie und warum dies geschieht.

ZEIT: Das klingt nach einem Spezialthema für wenige. Wer soll Ihre neue Zeitschrift lesen?

Raulff: Viele bleiben bei der Lektüre selbst eines qualitätsvollen Feuilletons mit ungestillter Neugierde zurück. Das sind nicht nur Wissenschaftler, sondern auch akademisch Gebildete. Es gibt ja den Typus des Lesers, der sich nicht entscheiden kann, ob er ein Buch oder eine CD kaufen soll und am Ende beides anschafft. Auf diesen Typus hoffen wir. Einer bestimmten Chimäre laufen wir aber nicht hinterher: Den jungen Leser, einen modernen Saulus, der, vom digitalen Pferd gefallen, zum Paulus wird, und sich einer Zeitschrift wie unserer zuwendet, den gibt es kaum.

ZEIT: Das erste Heft widmet sich unter dem Thema "Alte Hüte" der Entfremdung, der Coolness, dem Untergrund. Warum sind das Ideen und nicht vielmehr Begriffe, Worte oder Haltungen?

Raulff: Mancher Begriff, etwa die Entfremdung, erlebt eine metaphorische Karriere, wird zur Haltung, er umfasst aber auch als Idee, die in den Köpfen vieler Menschen wirksam wird, eine ganze Landschaft der Empfindungen. Uns interessiert die Karriere solcher Konzepte, die nach einer Hochphase ihrer Hegemonie über die Geister irgendwann sang- und klanglos in der Kiste verschwinden. Oder eines Tages wieder auftauchen.

ZEIT: Sie wenden sich im ersten Heft dem Wort des Kunsthistorikers Aby Warburg zu, der sich als "Patient der Weltgeschichte" bezeichnet hat. Warum ist das Gegenstand der Ideengeschichte?

Raulff: Ein solches Wort kann eine Kristallisation von Denkfiguren sein, die man Schicht für Schicht freilegen kann, etwa die Figur des Leidens an der Geschichte, auch die der Geschichte als pathologischem Prozess. Für jede Idee gilt, dass sich in ihr kulturelle Erfahrung verdichtet, im Falle Aby Warburgs zudem eine individuelle Leidenserfahrung, und solche Verdichtungen können die Sozialgeschichte oder die Mentalitätengeschichte allein nicht entschlüsseln.