Claude Simon hat 1947 einmal ein Buch mit dem schönen und doch auch beherzigenswerten Satz angefangen: "Früher blieb ich lange im Bett und fühlte mich wohl. Ich rauchte Zigaretten, genoss meinen ausgestreckten Körper und betrachtete durchs Fenster die Zweige der Bäume…"; und fast jeder weiß gleich, dass das irgendwie derselbe Satz ist, mit dem Marcel Proust 1913 ein Buch angefangen hatte: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, dass keine Zeit blieb, mir zu sagen: ich schlafe ein…" – ich glaube, Proust hat nicht geraucht. Und Unai Elorriaga schreibt nun 2001 einen ganz ähnlichen Satz, er bezieht sich ausdrücklich auf Proust, indem er ihn beim Namen nennt, und schreibt: "Es heißt, Proust habe sich am späten Abend hingelegt und lange nachgedacht. Auch ich verbringe viel Zeit mit Nachdenken im Bett. Beispielsweise denke ich, dass ich zuviel lese…"

Anders als bei Simon und ganz anders als bei Proust hat dieser Satz nun aber, nach zuerst fast 35 Jahren und dann noch einmal nach weiteren weit über 50 Jahren, etwas wie einen ganz leichten Stich ins Irre gekriegt; das ist wohl einfach der Gang der Dinge, man muss sich darüber nicht beklagen, und bei wem auch? Es ist auch nur ein ganz leichter Stich, anfangs spürt man ihn kaum.

Das Buch Der Traum vom Himmel über Nepal des jungen spanischen Autors Unai Elorriaga, Jahrgang 1973 (Roman; aus dem Spanischen von Karl A. Klever; Piper Verlag, München 2006; 185 S., 8,– €) erzählt von zwei alten Leuten, Geschwistern, für die die Welt mehr und mehr anders aussieht als für die Leute sonst; sie nehmen körperlich entschieden ab, manches verwirrt sich, sie unterscheiden Tote nicht mehr ganz genau von Lebenden und so weiter; und am liebsten reden sie über das Besteigen von Achttausendern.

Den zitierten Satz sagt aber ein anderer, ein junger Mann, der zu den Geschwistern in die Wohnung zieht, keiner der drei weiß eigentlich, warum. Er sorgt ein bisschen für die Alten, meistens spielt er draußen auf den Straßen Gitarre, später scheint er einen Job in einem Büro zu haben. Und je mehr wir ihn kennenlernen (alle drei haben im Buch immer wieder eigene Kapitel, in ihrer eigenen Sehweise und Sicht auf die Welt und aufeinander), desto mehr versteht er nicht bloß die Alten, sondern desto ähnlicher wird er ihnen auch, daher dieser leichte Stich, nicht ins Irre direkt wohl, aber in diese Richtung (wenn das eine ist).

Der junge Mann hat dann eine Geliebte, eine malende Medizinerin, mit der er zum Beispiel ein Spiel spielt, das darin besteht, dass jeder einen Satz des andern radierend oder dazuschreibend so verändert, dass er sehr bald auch wieder, sozusagen, jene Richtung annimmt; und als der junge Mann dabei einmal völlig ins Hintertreffen gerät, schreibt der Autor, "steckte er ihr den Radiergummi zwischen die Knöpfe ihrer Bluse. Und Roma stocherte in Marcos’ Bauchnabel herum. Und so weiter."