Wenn man ein großes öffentliches Leben, wie es Paul Raabe geführt hat, auf eine kleine private Pointe bringen darf, so wäre es die vom Umbau seines jüngsten Domizils in Wolfenbüttel. Er hat sich für seine späten Jahre zum Erstaunen seiner Freunde einen Bungalow mit eingebautem Swimmingpool gewählt; er, der bekennende Unsportliche, dessen körperliche Höchstleistung nur im Erklimmen von Bücherleitern und in der Vermeidung des Bibliothekarstodes (durch Sturz) bestand. Ausgerechnet dieser hochgewachsene, aber zivil gebeugte Herr, dessen Augen nie chlorgerötet waren wie die eines Siegfried Unseld nach den morgendlichen Schwimmbadstrecken, just "der erste Bibliothekar Deutschlands" sollte sich zum Ende seines Berufslebens ins Wasser stürzen wollen, Bahnen ziehen und nach einer Viertelstunde wieder auftauchen mit nassem spärlichem Haarkranz? Die Vorstellung war so abwegig, wie sie unnötig war: Als die ersten Besucher ins Haus kamen, hatte sich der Pool in eine große Bibliothek verwandelt, waren die Kacheln von Regalen ersetzt worden.

Die Karriere Paul Raabes ist geprägt von der gewinnendsten Paradoxie. Da hat sich einer sein Lebtag immer nur über Bücher geneigt und ist doch einer der einflussreichsten und beständigsten Kulturpolitiker der Republik geworden. Da hat einer, von frühester Jugend an, nur Interesse an Lektüre, Gedrucktem, alter und neuer Literatur, und wird doch von diesem Interesse hinauskatapultiert in Positionen, die denen eines kunstsinnigen Fürsten der Barockzeit gleichkamen. Da hat einer zwar die Orte gewechselt, aber eigentlich nie die Arbeitswelt Bibliothek, und ist dennoch über die Lesesäle und Magazine und Kataloge hinausgeraten in ein stetes Vis-à-Vis mit Präsidenten und Potentaten und, was für die Existenz seiner Institutionen in Zeiten der grassierenden Banausis noch wichtiger war: mit Sponsoren, Mäzenaten, Förderkreisen, Stiftungsherren. Da hat einer, längst ehe die Kulturbürokraten das Wort Leseförderung aussprechen lernten, vorgeführt, dass Lesen nicht nur die Fantasie weitet, sondern Lebensräume eröffnet, nämlich, wie Borges gesagt hat, "das Universum (das andere die Bibliothek nennen)".

Paul Raabe hat die Orte nicht nur gewechselt, er hat sie auch verändert. Zum Beispiel in Halle, wo er die Franckeschen Stiftungen, diese wunderbare philanthropische und spirituelle Gründung des Pfarrers August Hermann Francke aus dem Jahr 1695, von den Trümmern der tausend Jahre und den vierzig der Teilung befreite: aber vor allem in Wolfenbüttel. Als er dort, in der Nachfolge des Schriftstellers Erhart Kästner, 1968 die berühmte Herzog August Bibliothek übernahm, begann er die in ihrer Fachwerkschönheit dahindämmernde alte Stadt gleichsam vom Büchertisch aus zu unterwandern, aufzustören und mit ihrem größten Genius aufzuwecken: mit Lessing, der hier das letzte tragischste und dennoch produktivste Jahrzehnt seines Lebens, ebenfalls als Leiter der Bibliothek, verbracht hatte. Der Klassiker wurde zu einem geistesgegenwärtigen Medium, das die Stadt, im Ansturm auf seinen 250. Geburtstag, elektrisierte, die Region in Bann zog und das intellektuelle Deutschland mobilisierte. Dabei ließ sich allerdings nicht vermeiden, dass das schöne Schlossareal gegenüber dem zierlichen Lessing-Haus immer öfter zum Hubschrauberlandeplatz wurde, auf dem die Prominenzen mit ihren vielversprechenden Grußworten abgesetzt wurden.

Die ganze Welt des Buches war zu Gast in Wolfenbüttel

Nicht jeder, der liest und Bücher sammelt und Bibliotheken zu intellektuellen Zentren macht, wird so zum Homo politicus wie Paul Raabe. Dazu gehört noch ein anderes Talent, das heute mit dem Wort Netzwerken eher diskreditiert wird und das man besser als die Gabe, Menschen zu sammeln, zu versammeln und zu begeistern, bezeichnen sollte. Ob es Autoren waren, die er nach Wolfenbüttel einlud, Gelehrte aus aller Welt, denen er nicht nur die Bücherschätze erschloss, sondern auch Quartiere schuf; Stadtplaner, die er für den Erhalt und die Restauration alter Gebäude animierte; Bürgermeister und Stadtdirektoren, die er auf städtische Traditionen einschwor – sie alle ließen sich von dieser hellen, samtenen Stimme verführen, in der das Timbre herzlichen Interesses, belebender Neugier und praktischer Gastlichkeit mitschwang. So aus der Bücherwelt ins Öffentliche zu wirken, dazu gehört aber auch ein Naturell aus guten Nerven, unendliche Geduld mit der Bürokratie, der Charme eines überzeugenden Visionärs und nicht zuletzt zähe Durchsetzungskraft.

Aber was reden wir dauernd vom Bibliothekar Raabe?! Der Mann war doch auch, und ist es noch, Schriftsteller, hat eine große Zahl kluger, nützlicher, gelehrter Bücher geschrieben, darunter, als Bestseller, ein so studienpraktisches wie die Einführung in die Bücherkunde der neueren deutschen Literaturwissenschaft , das Zehntausenden angehender Germanisten Orientierung gegeben hat. Aber auch seinen drei großen Lebens- und Arbeitsetappen hat er Arbeiten gewidmet, Rechenschaftsberichte, die als Kulturgeschichte zu lesen sind: Mein expressionistisches Jahrzehnt heißt die Publikation über seine Zeit am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland der umfangreiche Band über die zwei Jahrzehnte in Wolfenbüttel, und die von ihm bewirkte Renaissance in Halle ist unter dem Titel In Franckes Fußstapfen. Aufbaujahre in Halle an der Saale meisterhaft beschrieben.