Ich bin nur ein Kind, obwohl ich schon so lange auf der Welt bin. Es ist das erste Mal, dass ich eine Geschichte aufschreibe. Ich habe keine Erfahrung mit so etwas. Es ist wohl eine Art Liebesgeschichte. Fragen Sie nicht, in welchem Jahr sie spielt, nicht einmal mein Großvater würde es schaffen, diese Frage zu beantworten. Natürlich könnte man im Hintergrund eine Fernseh- oder Radiosendung laufen lassen, wie es in Filmen oft gemacht wird, mit dem ostdeutschen Aufstand von 1953, mit dem ersten Elvis-Presley-Hit oder irgendeinem Wahltag, dann hängt zufällig auf der Straße ein Plakat mit dem Kopf von Konrad Adenauer. Aber das ist doch nur ein Trick. Als ob Elvis Presley und Konrad Adenauer so wichtig wären für alle und jeden.

Meinen Großeltern sind solche Sachen egal gewesen. Für sie gab es eigentlich nur die Zeit vor dem Krieg, eine kurze Zeit, in der sie sehr jung waren, es gab den Krieg, und es gab die endlos lange Zeit danach, diese Zeit, die den weitaus größten Teil ihres Lebens ausmachte und die ihnen doch in manchen Momenten beinahe bedeutungslos vorkam, weil ihr Leben für immer im Schatten der beiden früheren, kürzeren Episoden lag. Es war so ähnlich wie bei einem erfolgreichen Sportler, nehmen Sie Boris Becker, dessen Karriere früh endet und der sein weiteres, womöglich sehr langes Leben als ein endloses Danach zu empfinden gezwungen ist. Mit dem Unterschied, dass die entscheidenden Jahre von Boris Beckers Leben, diese Erinnerung, die er niemals loswird, Jahre des Triumphes gewesen sind. Das kann man von der Generation meiner Großeltern nicht behaupten.

Das ganze Geschichtenerzählen ist ein einziger Betrug. Ich meine – man kennt als Erzähler das Ende, tut aber so, als ob man es nicht kennt. Man könnte alles ganz schnell erzählen und sich viel Zeit sparen, aber nein, man erzählt es langsam. Das, was man schreibt, ist manchmal klüger oder dümmer als man selber, genau wie ein Kind, bei dem die Eltern manchmal staunen, was, das soll von uns abstammen, aber wir verstehen es nicht, es ist anders.

Viele fragen sich: Warum bin gerade ich übrig geblieben?

Da es sich um meine Großeltern handelt, und da es mich zweifellos gibt, muss irgendwann ein Kind auftauchen, das sagt einem der gesunde Menschenverstand. Es dauert aber eine Weile, werden Sie in dieser Hinsicht nicht ungeduldig. Das Ziel meines Großvaters ist klar. Er möchte die Liebe seiner Frau zurückerobern, ohne genau zu wissen, ob er diese Liebe überhaupt jemals besessen hat. Und er möchte seine Kriegserinnerungen loswerden. Das Ziel meiner Großmutter besteht darin, dass sie ihr Leben genießen und ein Stück Sonne sehen will.