DIE ZEIT: Herr Dr. Vranitzky, Herr Dr. Busek, die gegenwärtige rot-schwarze Koalitionsregierung plagen erhebliche Anlaufschwierigkeiten. Das lief, als Sie von 1991 bis 1995 in vergleichbarer Konstellation eine Große Koalition führten, doch etwas runder.

Franz Vranitzky: Jede Periode hat ihre eigenen Herausforderungen und personellen Strukturen. Wenn man eine Koalitionsregierung führt, muss man ein paar Grundsätze beachten. Einmal muss man sich sehr anstrengen, um mit dem politischen Gegenspieler eine glaubhafte partnerschaftliche Allianz zu bilden. Das ist nicht einfach. Zugleich muss, was immer mit dem Partner vereinbart wird, auch in der eigenen Partei durchgesetzt werden. Außerdem benötigt man eine gewisse Flexibilität gegenüber dem Regierungsabkommen. Es kann ja nach einiger Zeit eine Situation eintreten, die ursprünglich gar nicht in diesem Dokument berücksichtigt wurde.

Erhard Busek: Ich war an einer Regierung beteiligt, mit der eine bestehende Koalition fortgesetzt wurde. Das heißt, es gab bereits Spielregeln, auf die man sich geeinigt hatte. Jetzt muss ein Partner nach sieben Jahren erst wieder lernen, an einer Regierung beteiligt zu sein, und der andere muss lernen, mit einem neuen Partner zusammenzuarbeiten. Beides ist offensichtlich noch nicht gelungen. Der eine leidet darunter, dass er seine Wahlversprechen nicht einlösen kann, der andere, dass er jetzt die zweite Rolle spielt. Wir beide hatten auch den Vorteil, dass sich die Frage nach einem großen Projekt nicht stellte, das war damals der Beitritt zur EU. Die Definition eines großen Projektes ist jetzt noch nicht geglückt. Ich vermute, dass wir nun einen work in progress vor uns sehen, bei dem beide Partner die Chance haben, noch dazuzulernen. Sie müssten dabei aber ein wenig mehr nach innen arbeiten. Momentan haben die Außenmeldungen Priorität.

Vranitzky: Ich wende mich gegen die Gleichung: Große Koalition ist gleich großes Projekt. Niemand würde sagen, in einer kleinen Koalition gibt es nur kleine Projekte.

Busek: Ich stimme schon zu, dass das große Projekt nicht zwingend ist. Aber eine breite Mehrheit hilft, bei gewissen Problemen Lösungen durchzusetzen und das dann auch auszuhalten. Etwa in der gesamten Bildungspolitik. Die setzt ja weitaus breiter an als bei den Studiengebühren. Da finde ich allerdings im Regierungsübereinkommen eigentlich nichts Weiterführendes.

ZEIT: Kommentatoren schreiben bereits von einer "Koalition der Gehässigen".

Busek: Der ganze Bereich Politik und Medien – und unterstrichen – gehört dringend überdacht. Für eine rasche Schlagzeile oder eine resche Aussage wird derzeit ein sehr hoher Preis auf Kosten der politischen Qualität gezahlt. Ich halte den Schlagabtausch nicht für zweckmäßig, denn er führt nicht dazu, dass der Bürger Politik noch sehr ernst nimmt. Wir waren einander auch nicht immer freundlich gesinnt. Aber diese Wortwahl ist uns während unserer Zeit nicht passiert.

Vranitzky: Eine der Grundlagen einer gedeihlichen Zusammenarbeit liegt darin, dass jeder, der mit Schelten an die Öffentlichkeit geht, sich überlegen sollte, ob ihm dies eigentlich selbst nützt. Das bezweifle ich sehr. Auch wenn in unserer Zeit die Wogen hochgingen, eines blieb außer Diskussion: Um halb elf in der Nacht anrufen und sagen zu können, dass ein Problem aufgetaucht ist, das nun wirklich gemeinsam gelöst werden muss.