Als ich ein Bub war, begleitete ich meinen Vater gern zum Fischfang", erzählt ein Bewohner der ehemaligen Hafenstadt Aralsk, "und als ich dann endlich alt genug war, um auf den See zu fahren, war das Wasser weg." In den sechziger Jahren war der Aralsee der viertgrößte Binnensee der Erde und Aralsk der wichtigste Fischlieferant der Region. Mittlerweile ist die Wasserfläche um siebzig Prozent und die Einwohnerzahl der Stadt um die Hälfte geschrumpft. Seit Aralsk buchstäblich auf dem Trockenen sitzt, muss man stundenlang mit dem Bus fahren, um frischen Fisch zu kaufen.

Etwa viertausend Kilometer südöstlich der versteppten Landschaft, im Mündungsgebiet des Brahmaputra in Bangladesch, erzählt ein Bauer: "Der Fluss war früher weit entfernt. Ungefähr eine Stunde. Jetzt hat er das Land weggespült und bereits unser Grundstück erreicht." Wenn die jährlichen Überschwemmungen durch den Monsunregen im Süden von Bangladesch weiter zunehmen, droht ein Drittel des dicht besiedelten Landes bis zum Ende des Jahrhunderts im Meer zu versinken.

Wasser als Lebensgrundlage und als Lebensbedrohung. So ähnlich könnte der Untertitel von Udo Maurers bewegendem Kinodebüt Über Wasser lauten. Doch der in Wien lebende Dokumentarfilmer hat dafür eine unprätentiösere Variante gewählt: Menschen und gelbe Kanister. Um die gelben Kanister und deren kostbaren Inhalt kreist die dritte Episode des Films: Mit den wuchtigen Plastikbehältern sind die Bewohner von Kibera, dem größten Slum Afrikas am Rande von Nairobi, oft stundenlang auf der Suche nach sauberem Wasser unterwegs. Die gelben Kanister sind Sinnbild für ein globales Problem in einem bitteren dokumentarischen Lehrstück über ein prekäres Verhältnis: Mensch – Wasser.

Maurers Erzählhaltung ist ebenso unaufgeregt wie der Untertitel des Films. Die Aussagen zum Thema erschließen sich nicht über belehrende Kommentare, sondern über besonnene Betrachtung und respektvolle Aufmerksamkeit. Seine Wirkung entfaltet der Film nicht durch spektakuläre Motive, sondern durch eine genaue und konzentrierte Beobachtung, mit der er das Alltägliche auf ebenso berührende Weise zur Kenntnis bringt wie das Außergewöhnliche. Die Anstrengung, eine Scheibtruhe voller gefüllter Wasserkanister durch die steilen Slumstraßen von Kibera zu bugsieren, fesselt dabei auf ähnlich dramatische Weise wie die Erzählung des alten Kapitäns an Deck einer Schiffsruine, gestrandet in jenem trockenen Ödland, das früher einmal der Aralsee war.

Querulanten haben den Dokumentarfilm neu belebt

Mit seiner bemerkenswerten ersten Kinoarbeit rückt der vormalige Fernsehroutinier Udo Maurer in ein Rampenlicht, das seit einigen Jahren immer weitere Teile des Dokumentarfilmschaffens in Österreich erfasst. Mit ihren Einsichten in eigene oder fremde Wirklichkeiten erregen diese Produktionen längst nicht mehr nur in einer kleinen heimischen Szene Aufsehen. Den ersten internationalen Festivalerfolgen von Filmen wie Nikolaus Geyrhalters Pripyat im Jahr 1997 folgen ein Jahrzehnt später formidable Kassenschlager. Hubert Saupers schauriges Ökodrama Darwin’s Nightmare wurde 2005 für den Oscar nominiert, und Erwin Wagenhofer stach ein Jahr zuvor mit We Feed the World , einer kritischen Bestandsaufnahme der industriellen Nahrungsmittelproduktion, sämtliche Konkurrenten aus dem Spielfilmbereich aus und landete als einziger Dokumentarfilm unter den Top Ten der meistgesehenen österreichischen Filme der letzten 25 Jahre.