Konzentriert sitzt Pater Metri in seiner Arbeitsklause hinter der Sakristei. Überall Bücher, die dicksten hat er selbst geschrieben. Pater Metri Hadschi-Athanasiou hat Theologie in Belgien studiert und Philosophie an der Sorbonne, er besitzt zwei Doktorgrade, spricht etliche Sprachen. Alles an ihm atmet Geist und Glauben. Asketisch das Gesicht, brennend der Blick, den er über eine Liptons-Teedose mit Lupen und Scheren hinweg auf die Besucherin richtet.

Mit der leidenschaftlichen Hingabe des enzyklopädisch Gebildeten erfüllt er gerade die Bitte, das komplizierte Strauchwerk von elf christlichen Konfessionen in Syrien zu erklären. Die zehn dünnen Finger des Priesters stehen erläuternd in der Luft, Jahrhunderte und Konzile sortierend. Links fünf Zweige Orthodoxe, rechts fünf Zweige Katholiken, "beachten Sie, Madame!", ruft Pater Metri ermahnend und wackelt mit beiden Ringfingern, "hier armenisch-orthodox, dort armenisch-katholisch!" Für die Protestanten brauchte er einen elften Finger, "aber das sind Ausländer", sagt er wegwerfend, "die kamen erst im 19. Jahrhundert".

Es ist eine lehrreiche Erfahrung, mit einer Inspektion Syriens bei einem Christen zu beginnen. Denn dieser griechisch-katholische Priester überrascht durch einen zornigen politischen Ausbruch, sobald man ihn zur gegenwärtigen Lage der Christen befragt. "Bush und seine Leute sind Ignoranten! Sie verstehen nichts von Politik. Wir aber, wir verstehen Politik, wir leben mitten in der Politik!" Dass der Irak zerfällt, plagt den Priester als ständiger Albtraum; dass die Amerikaner auch Syrien ethnisch-religiös destabilisieren möchten, ist sein böser Verdacht. Nicht alles sei rosig für die Christen in Syrien, fährt er fort, aber die großen Bedrohungen kämen von außen, nicht von innen. "Mit diesem Regime sind wir einigermaßen gut dran. Baschar al-Assad mag die Christen, er weiß, dass sie ihm treu sind, weil sie von der Stabilität profitieren. Und genau deshalb, weil wir Stabilität so dringend brauchen, sagen wir dem Westen: Lasst uns in Ruhe!" Und dann fällt der Pater dramatisch ins Französische, in jene Sprache des Westens, in der er die ganze Geisteswelt studiert hat: "Laissez-nous tranquilles! Kümmert euch um euch selbst, wir brauchen euch nicht, ihr braucht uns, ihr braucht unser Öl!"

Seine griechisch-katholische Kirche folgt der orthodoxen Liturgie, und in dieser Liturgie, sagt Pater Metri zum Abschied, verkörpere der Westen das Übel. Bei einer Taufe wende sich der Pate zuerst nach Westen mit der Formel, dem Satan zu widerstehen, dann wende er sich nach Osten, um das Gute, um den Glauben zu akzeptieren.

In Syrien wird erzählt, dass sich Christen ein besonders dickes Goldkreuz um den Hals hängen, wenn sie in eine westliche Botschaft gehen, um ein Visum zu beantragen. Aber wer sich den Glauben bewahren möchte, die Christen seien natürliche Verbündete westlicher Politik, sollte besser nicht mit Menschen wie Pater Metri reden. Manche Geistliche machen keinen Hehl daraus, dass sie die amerikanische Regierung regelrecht hassen. Käme George Bush auf die Idee, Syrien zu besuchen, würden viele Gemeinden ihre Kirchentüren vor ihm verrammeln. Nirgendwo sonst im Nahen Osten herrscht zwischen Christen und Muslimen, zwischen Sunniten und Schiiten so viel Frieden wie in Syrien. Nebenan der Irak, zerfallend in Bürgerkrieg und Religionskrieg, und hier ein noch empfindlicheres Gewebe der Gesellschaft, ein Mosaik der Glaubensrichtungen mit verwirrend vielen Steinchen, mit fünf Sorten Muslimen und elf Sorten Christen, mit mehr als einem Dutzend nationaler Minderheiten.

Nackte Zahlen über die 18 Millionen Syrer vermitteln von den komplexen Verhältnissen nur ein ungefähres Bild: 70 Prozent sind Sunniten, etwa 16 Prozent Schiiten, 10 Prozent Christen. Aber Syrien ist geprägt von seinen Minderheiten. Das gilt zunächst für die Christen: Um 1930 stellten sie noch fast 40 Prozent der Einwohner, seitdem sank ihr Anteil kontinuierlich, vor allem weil Muslime mehr Kinder bekamen. Es war auch ein Christ, der 1943, beeindruckt von Atatürk und von Lenin, jene säkular-sozialistische Partei der "Arabischen Wiedergeburt" (Baath) gründete, die nun schon mehr als vier Jahrzehnte Syrien kontrolliert. Und an den Schalthebeln der Kontrolle sitzt wiederum eine Minderheit: Die Familie Assad gehört zu den Alawiten, einer Strömung am Rande des schiitischen Islams, die lange als ketzerisch verfolgt wurde.

Wer in einem so fragil konstruierten System lebt, muss den religiösen Fanatismus fürchten. 800000 Irakflüchtlinge sind bereits im Land. Zerfällt der Irak ethnisch-religiös, dann droht Syrien mit in einen Abgrund gerissen zu werden.

Bassel Kasnasrallah ist ein unauffälliger Mann. Dunkelblauer Anzug, getönte Brille, kleiner Siegelring, polierte Fingernägel. Niemand schaut sich auf einer Straße in Damaskus nach so jemandem um, und das ist ihm ganz recht. Er wirkt lieber hinter den Kulissen. Bassel Kasnasrallah ist der christliche Berater des Großmuftis.

Heute sei sein "Botschaftertag" gewesen, sagt er. Er hat schon fünf Gesandtschaften abgeklappert, vertraulich dies und jenes besprochen und nebenbei ein Interview des Großmuftis mit dem Vatikan-Radio arrangiert. Der Großmufti ist der oberste muslimische Rechtsgelehrte Syriens. Seine Kooperation mit diesem Christen ist also in etwa so, als hätte Kardinal Lehmann einen muslimischen Berater und ließe sich von ihm seine Auftritte im saudischen Fernsehen vorbereiten. Als sich im vergangenen Herbst viele Muslime über die Regensburger Rede des Papstes empörten, schrieb der syrische Großmufti einen persönlichen, sehr diplomatischen Brief an Benedikt XVI. Später gehörte er zu einer Gruppe von hochrangigen Muslimen aus aller Welt, die sich mit dem Wunsch nach einem ernsthaften theologischen Austausch an den Papst wandten.