Syrien, mehrheitlich sunnitisch, wird seit 36 Jahren von alawitischen Präsidenten regiert. Aber Hassan, dem Zahntechniker, schien es unmöglich, die Brücke zwischen einer sunnitischen und einer alawitischen Familie zu bauen.

An Auskünfte über die Alawiten muss man sich vorsichtig heranpirschen. Bei diesem Thema leuchten überall in Syrien rote Warnlampen auf: Vorsicht! Viele einflussreiche Männer in der Armee und im Sicherheitsapparat sind Alawiten. Aber Aufklärung ist allein schon deshalb wichtig, weil im Westen viele irrtümlich annehmen, die Allianz zwischen dem syrischen und dem iranischen Regime sei ein Bündnis schiitischer Glaubensbrüder. Doch nicht Religion, sondern reine Machtpolitik brachte 1980 den damaligen Präsidenten Hafis al-Assad und den iranischen Ajatollah Chomeini zusammen: Der erste Golfkrieg hatte gerade begonnen, ihr gemeinsamer Feind war Saddam Hussein im Irak. Beide handelten völlig konträr zu ihren jeweiligen Ideologien, nicht viel anders ist es heute zwischen dem Eiferer Ahmadineschad und dem jungen Baschar al-Assad.

Die Alawiten sind zwar vor mehr als tausend Jahren als ein Zweig der Schiiten entstanden, aber ihre Glaubensinhalte haben sich wie die der Drusen extrem weit vom ursprünglichen Stamm entfernt. Ihr Name leitet sich ab von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Dass die Alawiten Ali mehr verehren als den Überbringer des Korans, ist für einen orthodoxen Muslim schon schlimm genug. Außerdem finden sie es nicht nötig, fünfmal täglich zu beten oder eine Moschee aufzusuchen. Dem ritualisierten Fasten gewinnen sie nichts ab, manche begehen dafür Weihnachten, aus Respekt für Jesus.

Als Ketzer verfolgt, haben sich die Alawiten einst in die Berge geflüchtet. Um ihre Rolle in Syrien zu verstehen, muss man ihrer Spur ins sogenannte alawitische Bergland folgen.

Also in einem Bus in Richtung Norden. An der Busstation herrscht die obligate Mischung aus dem Kontrollwahn des Staates und der Freundlichkeit seiner Bürger: Name, Herkunft, Passnummer, Vatername, Muttername, alles wird von Hand in kafkaeske Listen eingetragen, mehrfach der Ausweis geprüft, während etliche Helfer sich der Tasche bemächtigen und den Listenschreiber zur Eile drängen. Vom Bus aus sind am Horizont die Burgen der Kreuzfahrer zu sehen, sie stehen auf den Bergkuppen mit der besten Aussicht. Syrien ist auf Schritt und Tritt ein Geschichtsbuch. Kein Schulkind hält hier "Kreuzfahrer" für ein Computerspiel, und das Entsetzen über die Kreuzzugsmetaphern von George Bush eint Christen und Muslime.

Es muss um die Zeit der Kreuzzüge gewesen sein, als sich die Alawiten in die Berge flüchteten. Ihr kollektives Gedächtnis hat seit damals eine historische Lehre bewahrt: Minderheiten, die am Rande ihrer Religionen stehen, müssen die großen clashes, die Kulturkämpfe, am meisten fürchten. Sie zahlen den Preis, wenn die Mehrheiten fanatisch werden. Heutzutage, vor der Drohkulisse der sunnitisch-schiitischen Kämpfe im Irak, flüstern einzelne düstere Stimmen, es sei für die Alawiten an der Zeit, zurück in die Berge zu gehen.

Während der osmanischen Besatzung nahmen die Alawiten in den Dörfern zur Tarnung die Gewohnheiten ihrer christlichen Nachbarn an, denn die Christen standen unter dem Schutz der osmanischen Sunniten; dem ketzerischen Muslim drohte hingegen der Tod. So entstand die eigentümliche Alawitenkultur. Sie ist zugleich säkular, mystisch und konspirativ.

Eine vierspurig ausgebaute Straße führt hinauf nach Qardaha, zum Geburtsort von Hafis al-Assad. Die Piste wirkt wie eine Metapher für den Aufstieg einer Minderheit zur Macht. Wie alle Alawitendörfer lebte Qardaha vor dem Regierungsantritt Assads in bitterer Armut. Quer über die Straße prangt der Hinweis auf das Grab des ewigen, des "unsterblichen Führers". Ein riesiges weißes Mausoleum. Allerdings hat es Pathos nur durch Größe, das Innere ist überraschend schlicht. Weihrauchgetränkte Stille, durch ein Dachfenster fällt schwermütig gebrochenes Licht. Am Ausgang schenkt ein Aufpasser ein winziges Tässchen Kardamomkaffee ein, zur Stärkung nach der Trauer. Der Führerkult, den Hafis al-Assad zu Lebzeiten dem Land aufdrückte, hat sich unter seinem Sohn in einer Light-Version popularisiert. Von vielen Heckscheiben blinkt Baschar als silberne Silhouette, ein Führerporträt wie von Andy Warhol.

Aus dem Bergland sind es 15 Kilometer bis hinunter zur Mittelmeerküste. Dort liegt Lattakia, die freizügigste Stadt Syriens. Diesen Ruf hat sie durch die Alawitinnen. Sie kleiden sich auffallend sexy, mit tiefen Dekolletés, sogar mit Miniröcken. Daneben gehen Sunnitinnen, meist verschleiert.