Der alte, schwarze Kater, den ich vor einiger Zeit von meiner verstorbenen Alt-68er-Tante geerbt habe, ist irgendwie gestört. Als sie jung war, hat meine Tante übrigens ähnlich gut ausgesehen wie Uschi Obermaier. Sie besaß ein erweitertes Bewusstsein und die Platten von Bob Dylan, rauchte Gott weiß was und trug Blumen im Haar. Dies alles aber hat den Kater nicht davor bewahrt, gestört zu werden. Purple haze is in his brain .

Der Kater kann zum Beispiel nur schlafen, wenn sein Schlafplatz der höchste Punkt im Raum ist und wenn er seinen Blick von oben über die Wohnung schweifen lassen kann wie der König der Löwen auf seinem Felsen. Wenn er nicht am höchsten Punkt des Raumes liegen kann, wandert er die ganze Nacht heiser schreiend und mit glühenden Augen in der Wohnung umher wie Behemoth. Ich nehme an, er fühlt sich nur ganz weit oben sicher vor den anderen, jüngeren Katern. Ich kenne dieses Gefühl. Oder es hat gesellschaftliche Ursachen. Wir haben ihm überall in der Wohnung Katzenkörbe mit Polsterung angeboten, er aber hat sie auf seine gestörte Weise verschmäht und wollte in das Wohnzimmer, wo das Bücherregal steht.

Der Kater ist auf die Stereoanlage gesprungen, die neben dem Bücherregal steht, und dann, um in den alten Gelenken warm zu werden, einige Male auf ein niedrig gelegenes Regalbrett und wieder zurück, schließlich mit einem großen Satz ganz oben auf das Regal. Aber er hat das Regal nur mit seinen Vorderpfoten erreicht, und sein dürrer, schlaffer Altherrenhinterleib pendelte frustriert in der Luft. Daraufhin hat der Kater seine Technik verändert, er ist jetzt von der Stereoanlage, die inzwischen stark verkratzt ist, schräg an die Wand gesprungen, von der Wand hat er sich mit allen vier Pfoten abgedrückt, und so ist er relativ easy auf das Regal gekommen. Der Sprung sieht spektakulär aus.

An der Wand hängt jetzt die Tapete in Fetzen herunter, und die Wand hat Dellen. Das kann ich nicht hinnehmen. Ich habe die Stereoanlage und den Stereoschrank in die Mitte des Wohnzimmers gerückt, damit der Kater sie nicht mehr als Absprungrampe benutzen kann.

Daraufhin hat der Kater in der Wohngemeinschaft die Machtfrage gestellt und die ganze Nacht pausenlos geschrien, weil seine Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Lenin sagte: Wer wen, so lautet die Machtfrage. Ich habe aus dem Keller die alte rostige Leiter geholt, jetzt hinkt der Kater mit knackenden Knochen über die Leiter auf das verdammte Regal, und die rostige Leiter steht Tag und Nacht im Wohnzimmer. An bürgerliches Wohnen ist in diesem Wohnzimmer nicht mehr zu denken. Im Badezimmer kann ich nicht mehr baden, weil das Katzenklo zu stark riecht. Mein Sohn macht es regelmäßig sauber, um Verantwortung zu lernen, aber irgendwas stimmt nicht mit dem Kot dieses Katers, ich kenne doch Katzen, dieser Kot aber riecht wie kein Kot, den ich je kannte. Der Kater hat ein Verdauungsproblem. Oder es ist ein Drogenproblem.

In letzter Zeit schreiben sie wieder alle über Uschi Obermaier, die 68er und die Tage der Kommune. Fragt mich!

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert "