Erst vor 16 Jahren veröffentlichte der heute 73jährige Louis Begley seinen ersten, sogleich preisgekrönten Roman "Lügen in Zeiten des Krieges". Er erzählt darin die Geschichte eines dem Holocaust entkommenen polnischen Jungen, die zahlreiche Anspielungen auf seine eigene Vergangenheit enthält: Als polnischer Jude hat Begley mit seiner Mutter in Lemberg, Warschau und einem entlegenen Bauerndorf in Masowien versteckt gelebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er nach New York und wurde Rechtsanwalt. Im November vorigen Jahres übernahm Louis Begley die Poetik-Dozentur an der Heidelberger Universität. Gerade erschien sein neuer Roman "Ehrensachen". Louis Begley erzählt von seinen Schlafproblemen

Viele Jahre lang – nein, solange ich zurückdenken kann – haben mich Albträume verfolgt, häufig die gleichen. Wenn sie ein gemeinsames Thema hatten, dann war es Angst: die Panik, die mich überfiel, während ich verzweifelt und vergeblich versuchte, allen möglichen Fallen zu entgehen, Gefängnissen, Hinterhalten und unlösbaren Rätseln. In meiner frühen Kindheit war es der Riese, der mich schon in seinen Klauen hatte oder nach mir griff; im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach sorgten die Gefahren, die ich ausgestanden oder von denen ich gehört hatte, für den Stoff und den Kontext.

In all den langen Jahren schlief ich auch schlecht. Nicht nur, weil ich einen leichten Schlaf hatte, beim geringsten Geräusch wach wurde und absolute Dunkelheit im Schlafzimmer brauchte. Sobald mich ein schlechter Traum, ein Geräusch oder ein Lichtschimmer aufgeschreckt hatte, war der Versuch, wieder einzuschlafen, ein hoffnungsloser Kampf. Ich setzte alle üblichen Waffen gegen die Schlaflosigkeit ein: schluckte Schlaftabletten, stand auf, las langweilige Bücher und trank schottischen Whisky. Oft reichlich Whisky. Durch Probieren und Studieren hatte ich herausgefunden, dass Whisky – vor allem Single Malt Scotch – meine Nerven beruhigte und mich außer Gefecht setzte. Die wohltuende Wirkung von Kognak dagegen war nur von kurzer Dauer. Selbst wenn ich einschlafen konnte, war ich kurz danach schon wieder wach, schlafloser denn je und in elendem Zustand. Vor ungefähr zwei Jahren spitzte sich die Sache zu: Meine Schlafpillen wirkten nicht mehr oder hielten mich sogar wach, und ich fürchtete, dass Whisky dick macht. Jeden Morgen prüfte ich mein Gewicht und fluchte über die steigenden Zahlen im Fenster meiner digitalen Waage im Bad, obwohl sie sich im Rahmen von höchstens zwei Pfund hielten.

Vor vielleicht neun Monaten entschloss ich mich zum Gegenschlag. Von einem Tag auf den anderen machte ich radikal Schluss mit den Schlaftabletten – aber für alle Fälle habe ich in meinem Medizinschrank noch einen Vorrat, auf den ich zurückgreifen kann, wenn ich’s mir anders überlege –, und ich gab den Whisky auf. Das Wunder ist, dass ich schon in der ersten Nacht schlief wie ein braves Baby, nicht wie das schreckliche Baby, das ich vor siebzig Jahren war. Nach diesem Systemwechsel haben sich meine Träume nicht verloren, aber verändert: Zurzeit wirken sie irgendwie versöhnlich; sie sind eine Mischung aus Optimismus und einem von leisen Zweifeln durchsetzten Hinnehmen der Dinge, wie sie sind. Anscheinend habe ich meinen Frieden mit der Obrigkeit geschlossen. Zum Beispiel träumte ich mehrmals, in geselligem Beisammensein mit Sir Winston Churchill zu plaudern; er trug einen Cut und gestreifte Hosen, hielt in der einen Hand eine Zigarre und einen Zylinder in der anderen, und wir unterhielten uns über Weltereignisse.

Vor ein paar Nächten kam es besser. Weil ich wusste, dass am nächsten Morgen eine Besprechung meines jüngsten Romans in der Zeitung stehen würde – die Rezensentin ist für ihre wilden Stimmungsschwankungen bekannt –, las ich in meinem Traum den Text ihrer Rezension; ich hielt die Druckseite in der Hand, ging aufmerksam durch, was sie geschrieben hatte, und diskutierte es dann ruhig und vernünftig mit der Kritikerin, der ich in Wirklichkeit nie begegnet bin. In meinem Traum erschien sie mir jünger und sehr viel hübscher, als sie ist, glaube ich; ich fand sie überraschend liebenswürdig. Ihre Rezension war gemischt: Gewisse Dinge missfielen ihr, andere lobte sie überschwänglich. Leider war der Traum nicht prophetisch: Sie hat eine feindselige Kritik geschrieben.