Ivo Grossthal ist etwas skeptisch, wenn er die guten Nachrichten aus seiner Heimat liest. Im Internet steht, Estlands Wirtschaft wachse mit zweistelligen Raten, die Löhne stiegen rasant.In nur 15 Jahren wolle sein Land zu den reichsten Staaten der Europäischen Union gehören, wird der estnische Regierungschef Andrus Ansip zitiert. Doch der 32-jährige Grossthal hat seine Heimat vor drei Jahren ganz bewusst verlassen, um auf der Mittelmeerinsel Zypern ein neues Leben zu beginnen. Er klappt den Laptop wieder zu: "Hier verdient man besser, und die Sonne scheint. Was will ich mehr?"

So wie Grossthal denken viele Esten. Nach Schätzung des Tallinner Konjunkturinstituts (KI) hat etwa jeder zehnte Erwerbsfähige Estland in der Hoffnung auf eine besser bezahlte Arbeit den Rücken gekehrt, zumeist in Richtung Großbritannien, Irland oder Skandinavien. In Litauen sprechen die Statistiker von einem Exodus von bis zu einer halben Million Menschen das wäre jeder siebte Einwohner. Und in Lettland ist die Lage ähnlich.

Gleichzeitig aber glänzen die drei baltischen Staaten mit starken Wirtschaftsdaten: Wie Estland wächst auch Lettland derzeit zweistellig. Litauen schaffte zwar zuletzt "nur" acht Prozent, liegt damit aber in Europa ebenfalls weit vorn. So rasant wie die Region am Nordostrand Europas entwickelt sich weltweit sonst nur der Ölstaat Aserbajdschan und vielleicht noch China. Mit dem bemerkenswerten Unterschied, dass in China Millionen billige Wanderarbeiter bereitstehen. Im ohnehin dünn besiedelten Baltikum dagegen werden die Arbeitskräfte langsam knapp.

Bei Investoren aus dem Ausland können die Baltenrepubliken durch niedrige Löhne noch immer punkten. Bei der Bevölkerung allerdings nicht mehr. Nachdem Auswanderer Grossthal ein Germanistikstudium in Tallinn abgebrochen hatte, probierte der vielseitig talentierte junge Mann zunächst im eigenen Land verschiedene Jobs aus. Er kellnerte, leitete ein Call-Center-Team, versuchte sich im Immobiliengeschäft. Er bewährte sich in den unterschiedlichsten Berufen, die aber eines gemeinsam hatten: Sie waren schlecht bezahlt. " Zu schlecht", wie Grossthal findet. Er wollte weg.

"Balten können heute in England arbeiten, ohne Englisch zu sprechen"

Im EU-Land Zypern hingegen, in das Grossthal eher zufällig auswich, blieb von der Bezahlung erst als Reiseleiter eines deutschen Tourismuskonzerns, später in einer Autovermietung genug übrig, um den Sohn aus erster Ehe, der in Estland bei der Mutter geblieben war, zu unterstützen und sogar etwas Geld beiseitezulegen. Davon hat der rotblonde Este unlängst ein kleines Souvenirgeschäft am Hafen von Paphos eröffnet. Und er hat auf Zypern seine zweite Frau kennengelernt: eine junge Lettin, die aus ähnlichen Gründen wie er aus Riga fortging und in ihrem Beruf als Optikerin bald eine Anstellung bei einem Zyprioten fand ebenfalls zu viel besseren Konditionen, als sie es in Riga hätte erwarten können.

Ivo Grossthal passt gut ins Bild, das sich Boguslavas Gruzevskis vom Typus des arbeitssuchenden Migranten gemacht hat. Der Direktor des Instituts für Arbeit und Sozialforschung im litauischen Vilnius untersucht das Phänomen, das in der Geschichte des Baltikums ein völlig neues ist. Nach seinen Erkenntnissen ist der typische Arbeitsmigrant männlich, fast immer unverheiratet und oft jung (37 Prozent der Auswanderer sind zwischen 20 und 29). Zog es anfangs vor allem Bessergebildete fort, rücken inzwischen auch Geringqualifizierte nach, notiert Gruzevskis. Der Sozialwissenschaftler erklärt sich das mit inzwischen bestehenden Netzwerken dort, wo bereits viele Litauer ansässig sind. " Sie können heute in England arbeiten, ohne Englisch zu sprechen", sagt er.