Hamburg

Die Hamburger SPD hat ungefähr 11500 Mitglieder. Sie setzen sich, zum Beispiel, gegen die Abschiebung der neunjährigen Miriam nach Afghanistan ein, sie bauen den Infostand des Ortsvereins Hamm-Borgfelde beim "Dialog am Markt" auf, sie treffen sich zur Diskussion der "Theatersubventionierung in Hamburg" mit anschließendem Besuch des Ernst-Deutsch-Theaters oder kritisieren im Internet, dass der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs von der Rüstungsindustrie unterstützt wird. All dies tun sie aus ehrenhaften Motiven. Jetzt aber hat ein krimineller Akt eines Einzelnen diese Partei so sehr in Misskredit gebracht, dass die Süddeutsche Zeitung sie gleich in ihrer Gesamtheit "morsch und verkommen" nennt.

In der Nacht zum Montag hat ein Unbekannter rund tausend Briefwahlstimmen aus einer verschlossenen Urne in der Hamburger Parteizentrale entwendet, Stimmen von Parteimitgliedern, die mitentscheiden wollten, wer an der Spitze der SPD im kommenden Jahr versuchen soll, Hamburgs CDU-Bürgermeister Ole von Beust abzulösen: Mathias Petersen, der gegenwärtige Landesvorsitzende oder seine Stellvertreterin Dorothee Stapelfeldt (ZEIT Nr. 9/07). Inzwischen, Stand vom Dienstag, ist Petersen zweimal zurückgetreten, beim zweiten Mal vom eigenen Rücktritt, um sich hernach zum Sieger der gescheiterten Urwahl zu erklären. Derweil sieht sich Dorothee Stapelfeldt ihrer Homepage zufolge nach wie vor als "künftige Erste Bürgermeisterin" und bezichtigt "Petersens Truppe" der Manipulation.

Warum dulden 11500 Menschen, die einander duzen und solidarisch für eine gerechtere Welt eintreten wollen, an ihrer Spitze eine derart zerstrittene Führungsriege?

Kommt drauf an, wen man fragt. Rudolf Herbers, der als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft 60plus dem SPD-Landesvorstand angehört, macht keinen Hehl aus seiner Unterstützung für den noch oder wieder amtierenden Parteivorsitzenden Petersen. Aus seiner Sicht hat sich in der Hamburger SPD zwischen Parteispitze und Basis eine Schicht aus Funktionären etabliert, die den Kontakt zur Wirklichkeit weitgehend verloren habe. Es sei ja löblich, sagt Herbers, wie diese Leute sich einsetzten. Nur, "die sitzen bloß noch zusammen und hören nicht, was draußen geschieht", weshalb sie die Schwächen des unberechenbaren Petersen überdeutlich wahrnähmen, nicht jedoch dessen Popularität, die gerade darin gründe, dass er so anders sei als sie.

Frage an Parteisprecher Bülent Ciftlik: Spricht es nicht gegen eine Partei, dass ein Quereinsteiger wie Petersen allein dadurch schon populär wird, dass er ein Quereinsteiger ist? Das, sagt Ciftlik, sei "eine valide Schlussfolgerung".

Nun vergeht in Hamburg derzeit kaum ein Tag ohne Polemik der Springer-Presse gegen die sozialdemokratischen "Funktionäre" aus dem Stapelfeldt-Lager, die in ihrer Mehrheit unbezahlte Feierabendpolitiker sind. Sich auf ihre Seite zu stellen erfordert unter diesen Umständen Mut. Vielleicht liegt es daran, dass die Petersen-Gegner, obwohl sie im Landesvorstand über eine Mehrheit verfügen, nach dem Auszählungsdebakel von der Bildfläche verschwunden sind und ihre Ansichten nur noch anonym preisgeben.