Am 23. Februar ist der Berliner Kunstsammler Heinz Berggruen in Paris im Alter von 93 Jahren gestorben. Einige Fragen werden nun ohne Antwort bleiben: Warum, zum Beispiel, hat ein Berliner Jude mit amerikanischem Pass, der 1936 dem NS-Rassenwahn gen Amerika entkam, 37 Jahre später die deutsche Staatsbürgerschaft wieder angenommen? Aus Heimweh? Das hätte der Kosmopolit aus Leidenschaft wahrscheinlich verneint, wenngleich es doch offenkundig war, dass er sich durch die Straßen seiner bürgerlichen Kindheit in Wilmersdorf und Charlottenburg mit einer unbefangenen Heiterkeit bewegte, als wäre er nie fort gewesen. Viele Berliner kannten und grüßten ihn auf der Straße wie einen netten Nachbarn. Doch vergessen hatte er nichts. Dieser so fragil wirkende Herr, der sein Alter und die dazugehörigen Gebrechen mit einer paradoxen Jugendlichkeit ertrug, mischte sich ins öffentliche Gespräch ein, wenn es galt, den Rechtsextremismus beim Namen zu nennen: "Nazis." Er machte sich Sorgen um Deutschland.

Erst 1996 war Berggruen, überredet vom Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Wolf-Dieter Dube, aus Paris in seine Geburtsstadt zurückgekehrt – unter Mitnahme seiner Sammlung der Klassischen Moderne. Er war ein Genie des genauen Blicks und wurde schließlich der großzügigste Mäzen des ganzen Landes.

Berlins Ehrenbürger wird am Freitag auf dem Waldfriedhof beerdigt. Dass er seinen kommenden Tod mit der ihm eigenen Ironie angekündigt hatte, als wollte er einer allgemeinen Trauer die Spitze nehmen, überrascht im Nachhinein nicht mehr. Er ziehe sich, sagte er im Dezember, "ins Privatleben zurück". Und machte der Öffentlichkeit ein Abschiedsgeschenk, Alberto Giacomettis Große Stehende Frau III aus dem Jahr 1960 – eine Ikone unter den Skulpturen des 20. Jahrhunderts. Sie steht in der Rotunde des Berliner Berggruen-Museums, des alten preußischen Offizierskasinos vor dem Schloss Charlottenburg. Auch diese kleine Ironie aus dem Katasteramt der Geschichte genoss der ehemalige Sergeant der U. S. Army von 1945. Hier wohnte er in einer kleinen Dachwohnung, oberhalb seiner "Kinder", der über 200 Werke von Pablo Picasso, Henri Matisse und Paul Klee, "mit denen ich schlafen gehe und mit denen ich aufwache". Für einen Bruchteil ihres Schätzwerts von 1,5 Milliarden Mark hatte der Sammler die Bilder und Skulpturen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor sieben Jahren überlassen; ein enthusiasmierter Bundeskanzler Schröder hob den zierlichen Herrn bei der festlichen Übergabe vom Boden hoch, als wäre er ein Teil der schönen Kollektion. Und das war er ja auch. Denn so empfanden es viele Besucher, die ihm vor seinen Bildern begegneten, ohne ihn zu erkennen – bis er sich in Anekdoten über die Werke an den Wänden als der eigentliche Museumswärter offenbarte, stolz und zugleich bescheiden, stets bemüht, sein Glück und seine Geschichte – und die seiner Gemälde – mit anderen zu teilen. In Berlin haben inzwischen weit über eine Million Menschen die Sammlung gesehen, und die Notizen, die sie in einem Merkbuch am Eingang zurücklassen, gleichen Liebesgrüßen an den Hausherrn.

Die riesige Lücke, die von den Kitsch-und-Blut-Ästheten des "Dritten Reichs" in die Berliner Museen gerissen wurde, konnte so zumindest im grandiosen Ansatz geschlossen werden: grandios, weil hier nicht die pädagogisch inspirierte Sammlung eines Museumsbeamten zu besichtigen ist, der von jedem bekannten Künstler zumindest ein Werk zeigen möchte, wie es sich eben gehört, sondern weil sich hier der Bild gewordene Geschmack eines Kenners zeigt, dessen ästhetische Kriterien von unheimlicher Beständigkeit zu sein schienen. Aber nur schienen; denn einzuschränken ist, dass er allein aufgrund von gewinnbringenden Weiterverkäufen nicht ganz so glanzvoller Bilder und Skulpturen – grob gesprochen: auf dem Weg der negativen Elimination – das höchste Niveau seiner Sammlung erreichen konnte. Mithin haben sich seine Auswahlkriterien wohl doch im Lauf der Zeit verfeinert.

So nahm es auch nicht wunder, dass die einzige Privatsammlung, die bisher im Pariser Gral der Moderne, im Picasso-Museum, gezeigt wurde, diejenige Berggruens war. "Die Besucherschlange vor dem Eingang reichte bis zur Rue de Gaulle", sagte er stolz, "ein Triumph." In Paris hatte er nach 1947 sein Glück gemacht – als Freund Pablo Picassos, als Galerist in der Rue de l’Université. Warum der grantige Klassiker zu Lebzeiten eine Zuneigung zu dem zurückhaltenden Bewunderer entwickelte, behielt Berggruen in seinem Herzen. Die fachkundigen Fragen des studierten Kunsthistorikers allein können es nicht gewesen sein. Im Falle des kauzigen Henri Matisse hingegen wird es Berggruens Hartnäckigkeit gewesen sein, die ihm das Vertrauen des anderen, nicht minder bedeutenden Künstlers bescherte.

Gewiss, auch ein Picasso hat schlechte Bilder gemalt, aber offenbar nicht für Berggruen. Dass dieser eine besondere Liebe zu Porträts der Dora Maar hegte, Picassos unglücklicher Geliebten, mochte in seiner heimlichen Zuneigung zu der schönen, verlassenen Frau begründet gewesen sein: In derlei Dingen kannte er sich aus – der ehemalige Freund der Malerin Frida Kahlo, die vor einem halben Menschenleben aus San Francisco mit dem jungen deutschen Einwanderer durchbrannte gen New York und Diego Rivera zurückließ, den Berggruen gerne (etwas herablassend) einen "Freskenmaler" nannte – zu dem die Kahlo urplötzlich heimkehrte. Was dem kurzfristigen Liebhaber ("meine Jugendsünde") im Nachhinein offenkundig keinen Kummer mehr bereitete; denn er hatte keine Begabung zur Melancholie. Wohl aber zur Schönheit: Seine Frau Bettina wurde ihm zum Abbild eines Porträts von Cézanne – oder umgekehrt. Als er es der Mutter seiner beiden Söhne schenkte, machte er jedenfalls beiden ein Kompliment, Bettina B. und Cézanne auch.

"Haupt- und Nebenwege" nannte Berggruen in Anlehnung an eines der Hauptwerke Paul Klees seine autobiografischen Skizzen, und wer an Seelenverwandtschaften zwischen Bildern und ihren Sammlern glaubt, läge in diesem Falle richtig: Die sich selbst ironisierenden Arbeiten Klees haben auf Berggruens Bewunderer stets wie kommentierende Reisepässe seines ungewöhnlichen Lebens gewirkt. Und solange diese Bilder in seinem Museum hängen bleiben, so lange wird er, wird der Name Heinz Berggruen das Land und die Stadt seiner Herkunft nicht verlassen können. Er selbst hat das so gewollt.