Soll ich es nun machen, oder soll ich es lassen? Jetzt noch einsteigen, da der Deutsche Aktienindex (Dax) erstmals seit dem Jahr 2000 oberhalb von 7.000 Punkten geschlossen hat? Eigentlich wollte ich nichts mehr mit der Börse zu tun haben. 2003 habe ich alle Aktien verkauft, nachdem der Dax binnen dreier Jahre 75 Prozent verloren hatte und auf 2.200 Punkte gestürzt war. Aber inzwischen nervt mich mein Nachbar wieder. Der hat der Börse nicht den Rücken gekehrt und ist wieder gut dabei. Er prahlt mit dem Besitz von Aktien, die sich verdoppelt und verdreifacht haben.

So, oder so ähnlich, klingen die Selbstgespräche der Kleinanleger in diesen Tagen. Der Aufschwung an den Börsen geht ins fünfte Jahr. Der Dax ist von seinem Allzeithoch nur noch 15 Prozent entfernt, der globale Aktienindex MSCI World erreicht seit Monaten immer neue Rekordstände. Wer bei der Party nicht dabei ist, hat eine große Chance, Vermögen zu bilden, verpasst. Doch die Frage: Soll ich jetzt einsteigen? ist die verkehrte. Sie zeugt von der Unwissenheit eines Kleinanlegers, der das Wesen der Kapitalmärkte nicht verstanden hat. Was sagen die Analysten? Einige sind ins Lager der Skeptiker gewechselt und erwarten nach dem rasanten Anstieg erst mal eine Korrektur. Dazu gehören etwa die Experten der Hessischen Landesbank oder der LBBW. Sie haben am Dienstag recht bekommen.

Vom 7000-Gipfel ging es steil bergab. Die Wahrnehmung des Risikos hatte sich an den Weltbörsen binnen einer Nacht geändert. Plötzlich machten Sorgen vor einer Kreditklemme am US-Hypothekenmarkt die Runde, vor einem Crash am chinesischen Aktienmarkt und vor dem Versiegen der billigen Liquidität, die vor allem durch Kreditaufnahme in japanischer Währung gespeist worden war. Andere Analysten haben wie die Marktbeobachter der DZ Bank ihre Jahresendprognose für den Dax jüngst angehoben, setzen also auf weitere Kursgewinne. Deutsche Aktien seien angesichts der Rekordgewinne noch immer günstig bewertet, lautet das Standardargument der Optimisten. Die Analysten von Sal. Oppenheim bezweifeln das aber und verweisen auf neue Vorschriften zur Bilanzierung, die Gewinne von gestern mit denen von Morgen unvergleichbar machen. Haben sie recht, dann sind die deutschen Aktien inzwischen keine Schnäppchen mehr. Was tun?

Es ist das alte Spiel. Die Entwicklung an der Börse lässt sich nicht vorhersagen. Es gibt zwar immer Experten, die einen guten Lauf haben und eine Zeit lang richtig liegen. Auf Dauer aber gelingt es auch denen nicht, die besten Aktien im Voraus zu bestimmen. Denn die Kurse folgen einem Zufallspfad. Das hat die moderne Finanzmarktforschung in unzähligen empirischen Studien gezeigt. Es gibt daher weder die eine Strategie, die langfristig zu einem besseren Ergebnis führt, noch hilft Erfahrung viel weiter. Die Profis haben zwar einen Informationsvorteil gegenüber den Kleinanlegern und schneiden deshalb im Vergleich besser ab. Aber davon haben Privatanleger nichts. Denn nach Abzug der Gebühren für die Gehälter der Experten und den Vertrieb der Fonds schneiden auch erfolgreiche Fondsmanager und Vermögensverwalter im Durchschnitt nicht besser ab als der Markt. Das belegen Studien, die die Renditen von aktiv verwalteten Fonds mit denen von Indexfonds vergleichen. Indexfonds sind Fonds, die den gesamten "Markt" nachbilden, dadurch den Experten einsparen und mit deutlich niedrigeren Gebühren auskommen.

Es ist das Verdienst des Mannheimer Professors Martin Weber, diese ernüchternde Wahrheit leicht und verständlich in seinem Buch Genial einfach investieren aufgeschrieben zu haben. Den richtigen Einstiegspunkt gibt es demnach nicht. Menschen, die Geldvermögen besitzen, ansparen oder erben, müssen sich fragen: Wie viel Risiko möchte und kann ich mir leisten? Die Kurse von Aktien schwanken heftiger als die von sicheren Staatsanleihen. Deshalb müssen sie auch eine höhere Rendite abwerfen, andernfalls würde sie niemand mehr kaufen. Ob Aktien aber das Risiko wert waren, kann leider nur im Rückblick mit Sicherheit beantwortet werden. Man denke nur an den japanischen Aktienindex Nikkei, der heute noch immer um mehr als die Hälfte unter seinem Rekordstand von Ende 1989 (!) liegt.

Wer Geld übrig hat, sollte es investieren, ganz gleich, wo die Kurse gerade stehen. Alles andere wäre Spekulation, die, im Durchschnitt betrachtet, Verluste bringt. Indexfonds sind einem Engagement in Einzeltitel vorzuziehen. Erst ab 20 sorgfältig ausgesuchten Einzeltiteln aus verschiedenen Branchen lässt sich der sogenannte Diversifikationsaspekt nachweisen: Das Verlustrisiko sinkt, ohne dass dafür eine geringere Rendite in Kauf genommen werden muss. Anleger, die so vorgehen, müssen sich nur ein- oder zweimal im Jahr ihr Portfolio anschauen. Haben sich die Aktienanlagen gut entwickelt und ist ihr Anteil im Depot dadurch gestiegen, heißt es umschichten. Ein Teil wird verkauft und das Geld in sichere Staatsanleihen oder Immobilienfonds gepackt, damit die alte Relation zwischen riskanten und sicheren Anlagen im Depot wieder hergestellt wird. So handelt der Investor antizyklisch. Er verkauft Teile der Anlagen, die gestiegen sind, und stockt diejenigen Anlagekategorien auf, die sich in den vergangenen Monaten schlechter entwickelt haben.

So lassen sich die typischen Fehler und Fallen der Geldanlage umgehen. Immer wieder zeigen Studien, dass Anleger erfolgreiche Investments zu früh verkaufen, erfolglose zu lange halten. Das alles kostet Rendite.

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