Und wenn man das Leben als Job betrachtete? Als einen Auftrag, den es zu erledigen gilt, so gut wie möglich? Das Ziel: glücklich, erfolgreich, reich, vielleicht sogar: bedeutend werden. Warum sollte man nicht vier, fünf Freunde einladen, zum Brainstorming, die darüber nachdenken, wie man diesen Job am besten erledigt? Kaufmännisch betrachtet, könnte das die Chancen um das Vier- bis Fünffache erhöhen, eine richtige Entscheidung zu treffen.

Alexander Brenninkmeijer ist in eine der reichsten Familien Europas hineingeboren worden, den C& -A-Clan, erzkonservativ, erzkatholisch, erzverschwiegen. Einer der führenden europäischen Bekleidungsanbieter, 1841 in den Niederlanden gegründet, heute ein global agierendes Unternehmen mit Firmensitzen in Düsseldorf, Brüssel, dem schweizerischen Zug. Der Clan hat ein paar Hundert Mitglieder, Brenninkmeijer weiß nicht, wie viele genau, er hat beschlossen, dass er nicht mehr dazugehören will. Er hat seine Stelle bei C& -A gekündigt, was im Fall eines Brenninkmeijer eher etwas von Scheidung als vom Beenden eines Arbeitsvertrages hat. Er will herausfinden, was eigentlich übrig bleibt von ihm ohne diese zwei Buchstaben, weiß auf blauem Oval, mit roter Bordüre drum herum, die er als Kind immer auf all diesen Häusern gesehen hatte, in jeder großen Stadt in Deutschland und den Niederlanden, wo er aufgewachsen ist. Drinnen, auf den Stangen, hingen Hemden, Hosen, Röcke, die alle ihm gehören. So dachte er.

Es ist das Jahr 1998, der Ausstieg aus dem C& -A-Imperium liegt ein Jahr und eine Weltreise zurück, Alexander Brenninkmeijer ist 30 Jahre alt.

Er hat sich einen Vollbart wachsen lassen (Bärte waren damals bei C& -A verboten), aber so richtig ist ihm noch nicht klar, wie das eigentlich gehen soll: mehr Alexander zu sein als Brenninkmeijer. Deshalb das Brainstorming. Ein Abend in London, wo er wohnt. Er hat zum Dinner geladen, und für die Einladung erwartet er eine kleine Gefälligkeit: ein Konzept für sein neues Leben. Auf die Gespräche an jenem Abend folgen weitere, und irgendwann ist Alexander Brenninkmeijer ein von seiner Familie unabhängiger Textilunternehmer, erst, fünf Jahre lang, zusammen mit dem Designer Kostas Murkudis. Seit 2004 hat Brenninkmeijer sein eigenes Label: Clemens en August (übersetzt: Clemens und August), der Name lehnt sich an seine niederländischen Ururgroßväter an, die C& -A-Gründer Clemens und August Brenninkmeijer - wie sie zieht er mit seiner Kollektion durch die Lande.

C& -A will ihm den Markennamen "Clemens en August" verbieten

Clemens en August, das sind im Grunde bloß ein paar Kleiderständer, die zweimal im Jahr ein paar Wochen lang von einer Galerie, einem Museum in das nächste geschoben werden, die mal in München stehen, mal in Hamburg, in Berlin, London, Kopenhagen. Das spart Kosten für Zwischenhändler und Boutiquen. Alexander Brenninkmeijer macht das, was man "Designerware" nennt, Mode, die wenig mit C& -A zu tun hat: hochwertig, elegant, schlicht, in kleinen Stückzahlen. Die Marke ist nicht sonderlich bekannt, selbst in manchen Moderedaktionen nicht, aber Sabine Nedelchev, die Chefredakteurin der Modezeitschrift Elle, findet, Brenninkmeijers Kollektion sei "genau das, wonach wir alle uns sehnen, die wir uns mit Mode beschäftigen: sehr persönlich". Den Stil vergleicht sie mit dem der Marken Helmut Lang und APC.

Der Name Clemens en August sagt viel. Ers-tens: Alexander Brenninkmeijer, inzwischen 39 Jahre alt, ist seine Herkunft nicht losgeworden. Zweitens: Er ist Kaufmann durch und durch, wie so ziemlich alle Brenninkmeijers. Er weiß, wie Marken funktionieren, und dieser Name hat die perfekte Geschichte für eine Marke. Deshalb will er ihn sich auch nicht mehr wegnehmen lassen. Ein Hinterhof in München-Neuhausen, eine Autowerkstatt, gegenüber eine Tür ohne Klingelschild. Die Brenninkmeijers wollten noch nie gefunden werden, schießt es einem durch den Kopf. Das stimmt so natürlich nicht.