Als der liebe Gott 1960 Niels Stolberg erschuf, nahm er nicht nur einen Klumpen Marine-Lehm zur Hand, sondern griff auch noch in die Schublade mit Politikerutensilien, damit sein Lieblingsreeder wenigstens ein bisschen so sei wie Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Zusätzlich lackierte der Herr sein Werk mit jenem Moderatorenglanz, den er schon für Sat.1-Nachrichtenmann Ulrich Meyer verwendet hatte. Fertig war der moderne Kapitän: mit den Wassern der Weltmeere gewaschen, wirtschaftlich versiert, rhetorisch geschliffen, bodenständig und pragmatisch.

Stolberg führt die Beluga Shipping Company, gegründet 1995, mit Stammsitz in Bremen. Ein Weltmarktführer. 165 Mitarbeiter an Land, 1200 auf dem Wasser. Geschäftsfeld: Seefahrt. Flottenstärke: 40 Schwertransportschiffe. Stolberg ist auch, auf der kleinen Nordseeinsel Spiekeroog, Hotelier, Boutiquebetreiber und Mäzen. Und ärgster Feind vieler Inselbewohner.

Aber der Reihe nach: Wenn man den (von der Beratungsfirma Ernst & - Young gekürten) "Entrepreneur des Jahres 2006 in der Kategorie Dienstleistung" in seinem Unternehmen besucht, bietet die Empfangsdame den Besuchern Beluga-Gratisregenschirme an. Die Assistentin serviert Beluga-Marzipankonfekt (und Zuckerglasur), und der Chef selbst bemüht sich, noch schnell den verkrusteten Zuckerlöffel abzuwaschen. Und als ob er beweisen wollte, dass er mehr draufhat als äußerliche Marginalien, beantwortet er jede Frage so ausführlich, als hätte er sich wochenlang vorbereitet. Als hätte man ihm geraten: Antworte auf wirklich jede Frage immer, als sei sie die klügste der Welt.

Lieblingsbücher der Kindheit? Räuber Hotzenplotz und Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Erziehungsmaxime der Eltern? " Du musst Verständnis dafür haben" (Mutter), "Du musst hart arbeiten, dann bekommst du auch, was du verdienst" (Vater). Welches Lied würde er im Radio seiner Frau widmen? " Eins von Herbert Grönemeyer, aber nicht Mensch, warte, ich google es Ihnen raus. Oder halt! Noch besser: Ich liebe das Leben von der Deutschpop-Gruppe Juli."

Würden nicht zeitgleich seine Mitarbeiter scherzhaft klagen, dass er im Bundestag eine Petition eingereicht habe, um einen 26-Stunden-Tag durchzusetzen, könnte man meinen, Stolberg beschäftige sich tatsächlich gern mit Fragen nach seinen Kindheitserinnerungen. In Wirklichkeit ist es nur Zeichen seines überbordenden Detailehrgeizes.

Vielleicht ist es gerade dieser Charakterzug, der ihn seine zahlreichen Projekte vorantreiben lässt.

Projekt 1: Technologie. Zusammen mit der Firma Sky Sails will Stolberg den Ölverbrauch seiner Tanker reduzieren. Dafür investiert er 500000 Euro in die junge Firma, die eine Art Winddrachen entwickelt. An einen Tanker gespannt, soll der Drachen eines Tages den Treibstoffverbrauch um bis zu 20 Prozent reduzieren. Wenn alles glattgeht. Wenn der Wind richtig steht. Wenn ja, wenn. Aber einen Versuch ist es wert, schließlich verbraucht der globale Schiffsverkehr zweimal so viel Öl wie die Bundesrepublik.