Widerlegt muss sich Ulrich Beck nicht fühlen, seit er vor gut zwanzig Jahren, 1986, die Rakete, nämlich sein Buch über die "Risikogesellschaft", gezündet hat. Vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl geschrieben, danach veröffentlicht, brachte es die Ambivalenz der Moderne auf eine Weise auf den Begriff, die noch erlaubte, Zuversicht aus dem Debakel zu gewinnen. In seiner Theorie der "reflexiven Modernisierung" oder "zweiten Moderne" nahm er in den neunziger Jahren den Faden wieder auf - damals regierte Helmut Kohl, und in Großbritannien war von Tony Blairs New-Labour-Aufbruch noch nichts zu erkennen. Der Soziologe Ulrich Beck wurde als Hochschullehrer in München und London heimisch und avancierte zum Weltreisenden in Sachen Moderne.

Sein Thema, damals wie heute: die Auflösung alter Gesellschaftsmuster, dank Individualisierung im Inneren und Globalisierung von außen. Beck beschäftigt weiterhin, wie solche Dynamiken in der "Risikogesellschaft" zusammenwirken. Antizipieren wollte er, dass sich das Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft und der Erwerbsarbeit als Existenzmonopol abzeichne. Sein Vorschlag aus den neunziger Jahren, über ein Bürgereinkommen nachzudenken (oder über eine "Grundsicherung"), hat in vielen Variationen ein Eigenleben gewonnen.

Für seine Annahme, die Risiken der zweiten Moderne würden "transnational", gab es noch weniger Evidenzen. Aber sie folgten rasch, die Soziologie des Risikos boomte. Seine Vermutung, die Zahl der "Bastelbiografien" wachse sprunghaft und das klassische Familienbild löse sich auf, provozierte vor 20 Jahren wütende Abwehrreflexe, gebremst haben sie die Transformation keineswegs.

Logisch, dass er demnächst an diese Überlegungen im Lichte neuer Erfahrungen noch einmal anknüpfen will: Klimaveränderungen, Ressourcenkonflikte, Biomedizin, Gentechnologie und Gehirnforschung, weltweite Migration, Terrorismus das Fortschrittstempo steigt, die Risikoherde nehmen zu. Nur das Reflexionsvermögen hält damit nicht Schritt. Weltrisikogesellschaft wird konsequent das neue Buch heißen, das demnächst bei Suhrkamp erscheint.

Unverändert ist Ulrich Becks Grundhaltung: Die Welt hänge von eigenen Entscheidungen ab. Risiko heiße Aufbruch, Wagnis, die Übernahme von Verantwortung für die Folgen. Risiko ist an Entscheidungen gebunden, nicht von Gott vorgegeben, es geht um eine Zukunft, "über die man verhandeln will". Das ist Beck pur. Beck, der Soziologe der Übergänge und der Transformation in neue Zustände, versucht seit einigen Jahren, für dieses Neue einen Begriff durchzusetzen: "Kosmopolitismus". In Großbritannien spazierte er damit durch offene Türen, in Deutschland hingegen vermisste er mehr Resonanz nicht zufällig haderte Beck lange, ob er einen großzügigen, ganz auf ihn zugeschriebenen Ruf nach Cambridge annehmen sollte. Am Ende blieb er in München. Mit dem Begriff "Kosmopolitismus" zielt er wieder einmal auf einen Paradigmenwechsel, heraus aus dem rein nationalstaatlichen Denken und dem "methodologischen Nationalismus", der den Sozialwissenschaften so schwer auszutreiben sei.

Was heißt hier schon Bücher? Einmischung wäre das bessere Wort

Respekt gebietend hoch türmt sich der Stapel neuer Bücher, die er mit intellektuellen Weggefährten oder seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim in den vergangenen zehn Jahren publiziert hat: Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter, Entgrenzung und Entscheidung, Der kosmopolitische Blick, Kosmopolitisches Europa, Was zur Wahl steht Aber was heißt hier schon "Bücher"? Einmischungen wäre das bessere Wort.