Wie ein einsamer Wanderer rüttelt der alte Professor am Tor des Konfuzius-Tempels in Peking. Doch die hohen roten Holztore des wichtigsten konfuzianischen Wallfahrtsorts bleiben verschlossen. Qian Xun zieht sich die grüne Anorakkapuze über das schüttere graue Haar und murmelt trotzig: "Ich kenne die Leute, die hier wohnen. Sie werden uns schon reinlassen."

Qian Xun 74 Jahre, Typ kleiner, verschmitzter Intellektueller ist der Doyen des volksrepublikanischen Konfuzianismus. Er stand wie kein anderer für die Lehre des berühmtesten aller chinesischen Denker ein, als ihm dafür unter Mao Tse-tung Anfang der siebziger Jahre Verfolgung und Gefängnis drohten, galt die Philosophie des Konfuzius doch als Herrschaftsinstrument des Feudalsystems und des Kaiserreichs. Später hatte er dann als Philosophieprofessor der Tsinghua-Universität wesentlichen Anteil an der Rehabilitierung konfuzianischer Gedanken unter Deng Xiaoping.

Vergangene Woche will Qian an einem der chinesischen Neujahrsfeiertage den Konfuzius-Tempel besuchen. Millionen Pekinger strömen in diesen Tagen durch Parks und Tempel. Dennoch ist Qian nicht überrascht, als er den Konfuzius-Tempel verschlossen und verlassen vorfindet, während nur wenige Hundert Meter entfernt Tausende vor den Toren des buddhistischen Lama-Tempels Schlange stehen, um für Glück und Geld im neuen Mondjahr zu beten.

Doch im Konfuzius-Tempel kann man nicht beten. Die Lehre des alten Meisters ist mühsam und anspruchsvoll, und die meisten Chinesen verstehen sie nicht mehr. In der Schule begegnet ihnen Konfuzius als historische Figur, nicht als Gründer einer Ethik. Ebenso, wie viele Menschen im Westen heute den christlichen Ursprung ihrer Werte ahnen, aber nicht definieren können, geht es den Chinesen mit ihrem konfuzianischen Erbe: Im Bewusstsein ist oft nicht viel übrig geblieben.

Der Konfuzianer Qian ist es längst gewohnt, gegen eine Mauer des Unwissens anzureden. " Nur wer im Alltag die moralischen Gesetze befolgt, wer Höflichkeit, Pietät und Lernwillen zu vervollkommnen sucht, kann im konfuzianischen Sinne heilig werden", erklärt er, nicht ohne hinzuzufügen, dass der konfuzianische Begriff der Heiligkeit oft falsch verstanden werde. Trotz Tempel Konfuzianismus sei keine Religion. Jeder Mensch könne heilig sein, sagt Qian, er müsse nur die moralischen Gesetze klarer als andere beherrschen. " Das aber ist bisher nur Konfuzius und Menzius gelungen, weitere Heilige gibt es nicht."

Wie von ihm prophezeit, findet der Professor schließlich Einlass in den Tempel. Durch einen Seiteneingang betritt er eine Baustelle, stampft über frisch gegossene Betonplatten und lose Schalhölzer, bis er ganz allein im weiten Innenhof vor der berühmten Halle der Großen Vollendung steht. Die Halle wurde im Jahr 1306 errichtet, in ihr opferten die Gelben Kaiser einmal im Jahr dem Andenken Konfuzius.

Derzeit wird die Halle mit primitivsten Mitteln renoviert, während in der Nähe für Millionensummen Bürotürme entstehen. Qian führt zu einem alten Wellblechbau. In ihm bröckeln 190 Granitsäulen vor sich hin, auf denen im 18. Jahrhundert erstmals die wichtigsten Werke der konfuzianischen Schule vollständig in Stein geritzt wurden.