Allmählich werde die Mode als visuelles Leitmedium von der bildenden Kunst abgelöst, schrieb die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Tagen. Und behauptete gleich noch, die Kunstmesse sei neben dem Internet das prägende popkulturelle Phänomen unserer Zeit. Anlass für die steile These war die Armory Show, New Yorks jährliche Messe für zeitgenössische Kunst, zu der vergangene Woche Tausende ziemlich gut gekleidete, ziemlich junge Besucher strömten. Begrüßt wurden sie und die angereisten Galeristen vom Bürgermeister Michael Bloomberg persönlich. Die Kunstmesse ist für ihn nämlich kein Leitmedium, sondern ein Standortfaktor. " Wir kämpfen um die Herzen und den Verstand der Leute und um ihre Dollars!" Der Milliardär Bloomberg liebt Zahlen: Das erste Produkt seiner Firma war ein Datenmonitor für Investmentbanken. Jetzt hat er ausrechnen lassen, dass die Armory Show für eine economic activity von 54 Millionen Dollar sorge. Im touristisch schwachen Monat Februar bringt die Messe Besucher in die Stadt, die vor allem eins tun: shoppen. Morgens Kunst, nachmittags Mode. Die Mode kaufen sie in Boutiquen, gebaut von bekannten Architekten, die Kunst aber in einer hässlichen, schlecht klimatisierten Halle, die an eine billige Mall erinnert. Deshalb könnte es mit der prägenden Kraft der Kunstmessen schnell vorbei sein.

Der Kunstmarkt boomt, aber die "Kunstmessen-Blase" könnte schon bald platzen. Dann wird man die Kunst wieder in Ruhe in den Galerien, den Boutiquen des Kunstbetriebs, kaufen. Oder im Internet.

An einem Tag im Juni des Jahres 1767 beschließt Cosimo, den Erdboden zu verlassen. Nie wieder wird er die grässlichen Schneckensuppen essen, die seine Schwester kocht, nie wieder wird er den Befehlen seiner Eltern gehorchen. Cosimo klettert auf einen Baum und kommt nicht mehr herunter. Auf den Bäumen wird er bleiben bis zum Lebensende. Er schläft und liebt im dichten Laub, er reist von Buche zu Linde, von Tanne zu Erle durchs reich bewaldete Europa, und wenn er von der Eiche herab, die auf dem Dorfplatz steht, seine Geschichten erzählt, so hören ihm die schönsten Damen zu. Cosimo ist der Held aus Italo Calvinos Der Baron auf den Bäumen, einem Roman, der auf das Leben der anderen herabblickt aus federndem Gezweig. Der stolze Cosimo starb, so erzählt Calvino, im Jahr 1820. Aber starb auch sein Geist?

In unserer kleinen Geschichte erfolgt nun ein harter, aber notwendiger Schnitt: Deutscher Osten, Februar 2007. Wir sehen: Calvinos Cosimo hat hier einen Wiedergänger. Fred G., 45, angeblicher Internetbetrüger, sitzt in Bitterfeld auf einem Antennenmast, auf dessen Spitze er ein Nest, ein Baumhäuschen gebaut hat. Dort oben ist er, weil er am Erdboden verfolgt wird. Am 1. März soll er ins Gefängnis. Am Fuß des Mastes feiern seine Anhänger frühe Frühlingsfeste, die TVSender schicken ihre besten Kameraleute. Alle spüren: Freds Mast ragt aus einer anderen Zeit - er ist das Mahnmal eines paradiesischen, von Urwald bedeckten Kontinentes. Im Jahr 1767 wäre Fred einfach davongesprungen, auf benachbarte Bäume, in freundlichere Gefilde, ein freier Mann. Heute reicht er der Gattin vom nackten Pfeiler das Campingklo herab. Wenn ein Bauwerk dazu taugt, den Untergang des alten, wilden Europas zu symbolisieren, so ist es Freds Mast.