Das Hohe Haus sei eine Baustelle, vernimmt man wenig überrascht. Das ist nicht metaphorisch gemeint, sondern es ist hier von erheblichen materiellen Mängeln die Rede. Auf dem Flur vor dem Plenarsaal behindern tückische Falten im Spannteppich die Abgeordneten auf ihrem Weg, womit sich sehr plausibel die oft geringe Zahl an Sitzungsteilnehmern erklären lässt. Damit nicht genug, auch Ungeziefer sei in den Räumen des Parlaments beheimatet. Gemeint sind Milben, die es sich hier gemütlich gemacht haben, auf Staatskosten selbstredend. Diese lästigen Zeitgenossen haben angeblich schon zu ernsten allergischen Reaktionen bei Volksvertretern geführt und dadurch natürlich auch zu einer Reduktion der Leistungsfähigkeit. Selbst die Lüftung ist defekt und schafft es lediglich, Überhitzung oder Eiseskälte zu erzeugen, was wiederum den Diskussionsstil verständlich macht, der seit Jahren ausschließlich in diesen beiden Formen in Erscheinung tritt. Außerdem verfügen die Mandatare über keine geeigneten Ablageflächen. Es heißt, deren Kapazität sei mit nur einer Mappe bereits erschöpft und eine zweite finde nur auf Kosten der ersten Platz. Dankbar erkennt man darin eine allzu menschliche Begründung für die allgemeine gedankliche Kapazität der Parlamentarier und hofft auf neues Mobiliar. Auch wenn dem aufmerksamen Sitzungsbeobachter bereits aufgefallen ist, dass sich in den meisten Mappen ohnehin nur Boulevardzeitungen oder Comics verbergen. Schlechte Akustik und trübe Beleuchtung runden den lange gehegten Verdacht ab, dass keinesfalls inhaltliche Defizite für die Imageprobleme des Parlaments verantwortlich sein können.

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