Der eine Kandidat entfaltet ein mitreißendes Geschichtspanorama mit nationalen Heroen von Victor Hugo über Léon Gambetta bis General de Gaulle, die durch ihre Willenskraft das Land durch die Nacht zum Licht führten. Die andere Kandidatin liefert einen selbst gebastelten Problembericht zur Seelenlage der Nation und beruft sich auf Experten wie Martine, Yves, Adeline und Karim, die in der Fortschrittskarawane bislang fehlten. Karim wer?

Auf der Jagd nach Volkes Stimme gehen die beiden aussichtsreichsten französischen Präsidentschaftskandidaten sehr verschiedene Wege. Während der konservativ-liberale Nicolas Sarkozy zu wissen glaubt, was Franzosen wollen, nämlich einen radikalen Bruch mit der alten Ordnung, hat die Sozialistin Ségolène Royal auf Bürgerdebatten und Internetforen im ganzen Land die Wunschzettel der kleinen Leute eingesammelt, die mehr vom grauen Alltag als vom leuchtenden Morgen erzählen. Gegenüber der angebotsorientierten Profikampagne Sarkozys wirkt die nachfrageorientierte Graswurzelmethode von Royal äußerst laienhaft. Schon mokiert sich Sarkozy laut ("Ich arbeite und rede, sie lächelt und hört zu"), und immer mehr Franzosen spüren, dass Royals "partizipativer" Wahlkampf so gar nicht zu ihrer heroischen Politikauffassung passt.

Royals Meinungsforen, so schimpfen Kritiker von links wie rechts, seien nur populistisches Theater und Gesellschaftskaraoke, mit denen sich unmöglich ein ganzes Land beackern, geschweige denn führen lasse. Besonderen Widerwillen zeigen französische Intellektuelle und ehemalige Meisterdenker, die mit Royal zugleich ihre gesamte Partei verwerfen. Vom Rechtsruck der Intelligenz war seit dem Ende der Mitterrand-Ära immer wieder die Rede. Seitdem einige Vertreter der antitotalitären nouveaux philosophes 2003 massiv den USFeldzug im Irak unterstützten, bekamen sie in Frankreich gar das Rubrum "neue Reaktionäre" verpasst. Im Wahljahr 2007, das längst als historisches Schicksalsdatum für Frankreichs Zukunft gilt, ergreifen sie erstmals Partei und rufen offen zur Wahl des starken Mannes der Rechten auf.

Der Essayist und Philosoph André Glucksmann, der Ende Januar in Le Monde seinen Aufruf Warum ich für Sarkozy bin veröffentlichte, ist nur der sichtbarste Repräsentant einer ganzen Reihe von Intellektuellen, die sich auf die Seite des rechtsbürgerlichen Kandidaten schlagen. Inspiriert von Sarkozys konfliktfreudiger Mantel-und-Degen-Rhetorik prophezeit Glucksmann, dass Frankreich nicht mehr links oder rechts, sondern den Aufstand wähle. Er sieht den Innenminister als eine Art konservativen Revolutionär, der ebenso gegen die Immobilität der Rechten wie gegen die Blindheit der Linken kämpfe – als Vertreter des "großherzigen Frankreichs, das die Bedrängten nie vergessen hat". Ähnlich erklärt der linke Historiker und Vielschreiber Max Gallo, einst Regierungssprecher unter Mitterrand, seine Sympathien für Sarkozy. Gallo hatte zuletzt für das "Non" zur Europäischen Verfassung geworben und ein Buch Fier d’être français ("Stolz, ein Franzose zu sein") herausgebracht. Nun lobt er Sarkozy dafür, dass er die Frage nach der Nation stellt: "Woher kommt unser Land, was ist seine Bestimmung, was heißt es, ein Franzose zu sein – auf diese Fragen reagiert Sarkozy am besten."

Auch Pascal Bruckner, einst Theoretiker der sexuellen Befreiung, schwärmte nach einem Zusammentreffen mit Sarkozy: "Er ist sehr höflich, sehr brillant. Ich schätze sehr, was er über Erziehung und Patriotismus sagt. Wir brauchen einen mutigen Kandidaten, der etwas riskiert." Alain Finkielkraut zeigt sich ebenfalls angetan: "Wir erleben eine Katastrophenlawine, die die Gutmenschen immer noch nicht wahrhaben wollen. Sarkozy zerreißt den Schleier." Und der Publizist Marc Weitzmann, einst beim globalisierungskritischen Polit-Pop-Magazin Inrockuptibles, schreibt neuerdings Lobeshymnen auf Sarkozy: Er sei die "Synthese aus Liberalität und Festigkeit", bekämpfe den Egalitarismus und propagiere wieder Leistung und Verdienst. Passend dazu gibt es mit Les meilleurs des mondes ("Schöne neue Welt") bereits ein Periodikum der neuen Rechtsintellektuellen, zu denen auch der Regisseur Roman Goupil und der Politologe Pierre-André Taguieff gehören. Das Magazin hat sich dem Kampf gegen die Linke und deren Antiamerikanismus verschrieben und brachte bereits ein großes Sarkozy-Interview.

Die Anziehungskraft, die Sarkozy auf die Intelligenz ausübt, wird durch Aufmerksamkeit reichlich stimuliert. Denn anders als Royal geht Sarkozy offensiv auf die Denker zu und sucht ihre Expertise. Und weil die Intellektuellen wieder nützlich sein wollen, sorgen sie dafür, dass die Rechte, die lange Zeit als geistfeindlich galt, wieder nachdenkt und Konzepte entwickelt. Selbst Yasmina Reza, eine der meistgespielten Bühnenautorinnen der Welt, hat sich während der Kampagne an Sarkozys Fersen geheftet und schreibt ein "impressionistisches Porträt" – das aber leider erst nach der Wahl erscheinen soll.

So spricht der Historiker Jacques Juillard von einer Wende: "Das Wort Linksintellektueller war lange Zeit ein Pleonasmus, heute wird es zu einem Oxymoron." Dabei sind Rechtsschwenks unter französischen Intellektuellen nichts Neues. So setzten sich schon 1914 Schriftsteller wie Charles Péguy oder Journalisten wie Gustave Hervé von den Sozialisten ab und beschworen die nationale Sache. Ähnlich reagierte Raymond Aron zu Beginn des Kalten Krieges. Und 1995 sympathisierten Emmanuel Todd und Régis Debray mit Chiracs Wahlkampagne gegen die fracture sociale. Den umgekehrten Fall dagegen, dass Rechtsintellektuelle ins linke Lager wechselten, hat es fast nie gegeben. Jacques Juillard erkennt darin ein Muster. Denn viele der heute nach rechts gewendeten Denker waren einst Maoisten oder Trotzkisten: "Frankreich ist das seltsame Land, wo diejenigen, die in der Vergangenheit die meisten Fehler begingen, als besonders hellsichtig für die Zukunft gelten."