An einem Tag im Juni des Jahres 1767 beschließt Cosimo, den Erdboden zu verlassen. Nie wieder wird er die grässlichen Schneckensuppen essen, die seine Schwester kocht, nie wieder wird er den Befehlen seiner Eltern gehorchen. Cosimo klettert auf einen Baum und kommt nicht mehr herunter. Auf den Bäumen wird er bleiben bis zum Lebensende. Er schläft und liebt im dichten Laub, er reist von Buche zu Linde, von Tanne zu Erle durchs reich bewaldete Europa, und wenn er von der Eiche herab, die auf dem Dorfplatz steht, seine Geschichten erzählt, so hören ihm die schönsten Damen zu. Cosimo ist der Held aus Italo Calvinos Der Baron auf den Bäumen, einem Roman, der auf das Leben der anderen herabblickt aus federndem Gezweig. Der stolze Cosimo starb, so erzählt Calvino, im Jahr 1820. Aber starb auch sein Geist?

In unserer kleinen Geschichte erfolgt nun ein harter, aber notwendiger Schnitt: Deutscher Osten, Februar 2007. Wir sehen: Calvinos Cosimo hat hier einen Wiedergänger. Fred G., 45, angeblicher Internetbetrüger, sitzt in Bitterfeld auf einem Antennenmast, auf dessen Spitze er ein Nest, ein Baumhäuschen gebaut hat. Dort oben ist er, weil er am Erdboden verfolgt wird. Am 1. März soll er ins Gefängnis. Am Fuß des Mastes feiern seine Anhänger frühe Frühlingsfeste, die TVSender schicken ihre besten Kameraleute. Alle spüren: Freds Mast ragt aus einer anderen Zeit - er ist das Mahnmal eines paradiesischen, von Urwald bedeckten Kontinentes. Im Jahr 1767 wäre Fred einfach davongesprungen, auf benachbarte Bäume, in freundlichere Gefilde, ein freier Mann. Heute reicht er der Gattin vom nackten Pfeiler das Campingklo herab. Wenn ein Bauwerk dazu taugt, den Untergang des alten, wilden Europas zu symbolisieren, so ist es Freds Mast.