Als Win Butler und seine Band Arcade Fire zum Finale einer aufreibenden Konzertsaison 2005 mit U2 auftraten, wollten die Fans der kanadischen Underground-Helden das für einen ironischen Beitrag zur Weltrettung halten. Live mit Bono, dem Berufsmessias? Offenbar entbehrte das Zusammenspiel jeglicher Ironie. Nach den U2-Auftritten nahmen sich Arcade Fire eine zwölfmonatige Konzertauszeit, in der das neue Album Neon Bible entstand, aufgenommen in einer Kirche unweit von Montreal einer Mischung aus Betstatt und Rock-n-Roll-Schuppen, die zum Symbol für die neuen Songs werden sollte.

Auf dem Debüt Funeral konnte der charismatische Butler noch über die Blumen auf dem Grab der Geliebten singen, seine komplexen Beziehungsgeschichten leuchteten in orchestralen Rock-Andachten auf, die Platte wurde zum Millionenseller. Neon Bible nun huldigt dem Weltzweifel als Geisteshaltung an und für sich, 11 Songs und 47 Minuten lang, verschwommen und rätselhaft.

Die Songs handeln von schwarzen Träumen, von Verstörung, Kriegsangst und der Zerknirschung, die wir alle mit uns herumtragen. Begleitet werden sie von einer Fotostrecke Anton Corbijns, auf der Win Butler einen Bono-Hut trägt. Live, beim ersten Europakonzert zur neuen Platte in der Londoner Konzertkirche St. Johns, macht die Band die Fotos lebendig, Arcade Fire frohlocken in Depression: "Theres a fear I keep so deep / knew its name before I could speak / aaaah aaaah aaaah".

Näher ist kein Songtext am ästhetischen Grundsatzprogramm der Band gebaut.

Prominente Liebhaber des sakralen Rausch-Rock-Erlebnisses wie David Bowie rühren unablässig die Werbetrommel für Arcade Fire, Chris Martin von Coldplay hält die Kanadier gar für die "beste Band in der Popgeschichte". Das Getöse bleibt ein angenehmes Hintergrundgeräusch für Butler und Co. Zu einer Rock-n-Roll-Elf angewachsen, die sich durch Soundschichten und populäre Referenzbücher arbeiten muss, um zum Kern ihrer Lieder zu gelangen, entdecken Arcade Fire die Ekstase als zentrales Ausdrucksmittel des Rock wieder neu. Es ist großes Gospel-Theater. Wenn Butler von seiner Furcht singt, verwandelt sich jede Zeile auf wundersame Weise in eine apostolische Botschaft für die Gemeinde: Fürchtet euch nicht!

Arcade Fire: Neon Bible (City Slang/Universal)