Warum kommen die besten Bücher zur preußisch-deutschen Geschichte aus England? Die Antwort ist ebenso banal wie zutreffend: Weil britische Historiker besser schreiben!

Jüngstes Beispiel: Christopher Clarks Preußen-Buch, das in der vergangenen Woche in Berlin präsentiert wurde. Über 800 Seiten schafft es der am St. Catharine’s College in Cambridge lehrende Geschichtsprofessor, die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln, indem er Tempo und Tonlage variiert, biografische Miniaturen in die Erzählung integriert, Urteile scharf zuspitzt und mit manchen Anekdoten aufwartet.

Solide Quellen- und Literaturkenntnisse, Methodenbewusstsein, klar profilierte Fragen – all das gehört zum Handwerkszeug des Historikers. Doch das macht noch keine große Geschichtsschreibung aus. Sie entsteht erst durch die Kunst der Darstellung. Die aber sucht man in vielen Arbeiten deutscher Historiker vergebens. "Ein wenig Kultur im Erzählen, und man ist schon eine Seltenheit", schrieb Golo Mann im September 1959 nach dem phänomenalen Erfolg seiner Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Und an diesem unerfreulichen Zustand hat sich bis heute im Grunde wenig geändert.

Über Thomas Nipperdeys hochgerühmte Geschichte des deutschen Kaiserreichs hat Richard J. Evans, ein Kollege Clarks in Cambridge, bemerkt: "Auf 834 Seiten Text gibt es keinen einzigen Scherz, nicht einmal das fahle Schimmern gelehrten Witzes." Und das gilt auch für die meisten anderen Großwerke aus der deutschen Zunft: Sie sind Produkte einer Gelehrtenkultur, die Witz, Humor, Ironie ebenso für unstatthafte Elemente großer Geschichtsschreibung hält wie das Anekdotische.

Wenn Evans dagegen in seinem Meisterwerk Tod in Hamburg – eine Geschichte der verheerenden Cholera-Epidemie von 1892 – schildert, wie Senatoren während endloser Sitzungen sanft entschlummerten oder welche sonderbaren Kleinlebewesen sich damals in Hamburgs Leitungswasser tummelten, dann spürt man, wie viel Vergnügen ihm das Schreiben von Geschichte macht – und wie viel Vergnügen diese Form der Geschichtsschreibung dem Publikum bereiten kann.

Da britische Historiker zuerst ans Publikum denken und nicht an die stirnrunzelnden Bedenklichkeiten hochspezialisierter Fachgenossen, haben sie auch weniger Skrupel, sich an eine Epochendarstellung oder an eine große Biografie – die beiden Königsdisziplinen der Geschichtswissenschaft – zu wagen. Ist es ein Zufall, dass die bedeutendste Hitler-Biografie von einem Briten, Ian Kershaw, geschrieben wurde? Dass sich an der ersten umfassenden Darstellung des "Dritten Reiches" Richard Evans versucht? (Zwei von drei Bänden sind inzwischen erschienen.) Und dass uns Christopher Clark nun mit seiner großartigen Geschichte Preußens erfreut? Volker Ullrich