Im Hause Köhler

Das Auffallendste an seinem Amtszimmer ist ein großes abstraktes Gemälde hinter seinem Schreibtisch. Der Hausherr im Berliner Schloss Bellevue erklärt mit sichtbarem Vergnügen: Das ist die große 'Nadja'.

Die zu erkennen erfordert ein gewisses Vorstellungsvermögen.

Der Name des Künstlers ist Programm: Stöhrer. Der Präsident erklärt, dass er einen starken Kontrast wollte zu den deutschen Expressionisten, die die anderen Wände schmücken, darunter ein Kirchner und ein Schmidt- Rottluff.

Es ist der Tag vor seine Aufbruch in die kurzen Winterferien, die er in Thüringen verbringt. Der ehemaliege Direktor des Internationalen Währungsfonds erinnert sich im Gespräch mit den ZEIT-Redakteuren Giovanni di Lorenzo (r.) und Matthias Naß zunächst an die ersten Jahre nach seinem Studium

DIE ZEIT: Es heißt, Sie hätten mit Ihrer Frau und einigen Freunden einst eine Art Dritte-Welt-Laden aufgemacht. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Horst Köhler: Stimmt aber.

ZEIT: Was wollten Sie?

Köhler: Meine Frau und ich zogen 1970 nach Herrenberg, knapp 20 Kilometer vor Tübingen. Dort haben wir tatsächlich gemeinsam mit Freunden einen Dritte-Welt-Laden so hieß das damals noch gegründet. Schon damals haben wir heftig über die Grundausrichtung gerungen. Ich wollte auf diese Weise Informationen und Produkte armer Länder nach Herrenberg bringen und so schlicht etwas gegen die Armut tun. Andere waren mehr auf eine politisch-ideologische Auseinandersetzung mit dem bestehenden System aus. Es war eine interessante Zeit. Der Laden heißt jetzt Eine-Welt-Laden. So ändern sich die Zeiten.

ZEIT: Aber es gibt ihn noch.

Köhler: Ja, natürlich, ganz aktiv. Und ich freue mich darüber.

ZEIT: Sie wollten damals etwas gegen die Armut in der Welt tun.

Seitdem ist die Kluft zwischen Arm und Reich noch gewachsen.

Köhler: Vorsicht. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Schauen Sie sich allein die Entwicklung in China an: Dort ist seit Anfang der achtziger Jahre fast eine halbe Milliarde Menschen der Armut entronnen. Auch in Indien und in anderen Ländern des Südens gibt es Erfolge. Wo wir ein großes anhaltendes Problem haben, ist vor allem in Afrika, da hat sich in einigen Ländern nicht viel verbessert.

ZEIT: War der Kampf gegen die Armut also vergebens?

Köhler: Nein, er muss aber weitergehen. Und bei uns braucht es noch mehr Bewusstsein dafür, dass wir uns von der Armut nicht abkoppeln können. Die Globalisierung unserer Zeit begann mit dem Ende des Kalten Krieges. Vorher war die Welt parzelliert in Blöcke. Jetzt sind alle auf dem Markt. Manche beschreiben schon die Welt einer universellen Chancengleichheit. Das hat neue Bedingungen geschaffen. Es gibt nicht nur den Gegensatz zwischen den traditionell armen Ländern und der Industriewelt, auch in den Industrieländern selbst öffnet sich die Einkommensschere wieder.

ZEIT: Und das empfinden auch die Menschen in Deutschland als ungerecht. Kein Wunder. In Amerika liegt das Durchschnittseinkommen der Spitzenmanager ungefähr beim 400-Fachen des durchschnittlichen Arbeiterlohns. Hierzulande geht der Trend in die gleiche Richtung. Sie selbst haben deshalb bei den Managergehältern "Maß und Mitte" gefordert.

Köhler: Zunächst einmal muss man sehen, dass sich mit der Globalisierung ökonomische Chancen eröffneten, mit der richtigen Idee in null Komma nichts riesige Märkte und damit riesige Einkommen zu erreichen. Denken Sie an die Informationstechnologie und daran, was jemand wie Bill Gates daraus machte. Er begann als junger Mann buchstäblich in der Garage. Heute ist er der reichste Mann der Welt und tut viel Gutes mit dem vielen Geld, zum Beispiel bei der Aids-Bekämpfung in Afrika. Ich freue mich, dass es auch in Deutschland Existenzgründer und Jungunternehmer gibt, die mit ihren Ideen gutes Geld verdienen.

Das aktuelle politisch-moralische Problem besteht aber darin, dass sich in normalen Unternehmen die Einkommensentwicklung der Spitzenmanager von der Einkommensentwicklung der Belegschaft und der breiten Bevölkerung gelöst hat. Deshalb habe ich gesagt, ich würde mir bei der Bezifferung von Managergehältern durch Aufsichtsräte mehr Maß und Mitte wünschen, dass dort ein Bewusstsein für das Ganze da ist und damit auch die Fähigkeit zur Selbstbeschränkung und zum guten Vorbild.