Angefangen hat es ganz harmlos. Ich wollte die Straße fegen und zog am verlockend frühlingshaften Valentinstag zum ersten Mal wieder die Gartenjacke an. In der Tasche spürte ich ein vertrautes Gewicht: die Rosenschere. Gut lag sie in der Hand, und der Liguster in meiner alten Hecke sah geradezu provozierend struppig aus. So knipste ich ein paar der allzu weit hervorstehenden Ästchen ab, und das fühlte sich noch viel besser an: endlich wieder Gartenarbeit! Ich schnipselte also, während die Sonne schien, die Zeisige sangen und die Schneeglöckchen blühten, beschwingt noch ein bisschen weiter. Und noch ein bisschen.

Je mehr ich mich der verholzten Mitte näherte, desto anstrengender wurde es. Und da ging ich plötzlich in die Falle, die jedem schnittfreudigen Gartenbesitzer durchaus vertraut ist: Das Spiel mit der Schere begann zu kippen, zunächst ins Sportliche, dann ins Ehrgeizige, bis das lockere Vergnügen zum ingrimmigen Zweikampf Mensch gegen Gehölz ausgeartet war. So etwas passiert normalerweise eher starken Männern an schwerem Schneidgerät, weshalb es sich dringend empfiehlt, sie mit steigendem Adrenalinspiegel sorgsam von jedem Gewächs fernzuhalten, auf dessen weiteres Wohlbefinden man vielmehr: frau noch irgendwelchen Wert legt.

Diesmal aber, es muss die Sonne gewesen sein oder die Nachwirkung des langen winterlichen Entzuges, sozusagen der gärtnerische Affektstau, erwischte es mich, und wie! Erstes, kurzfristig ernüchterndes Resultat war ein struppiges Loch in der hohen Hecke, das fatale Ähnlichkeit mit diesen vergilbten Fotos aus dem Ersten Weltkrieg aufwies, die stolz die Wirkung teutonischer Granaten auf die welsche Vegetation vorführten. Logischerweise musste ich den Rest nun irgendwie angleichen, aber schließlich konnte die Hecke ja auch einen durchgreifenden Schnitt vertragen. Und zwar sofort! Das Unübersehbare, die Tatsache nämlich, dass diese Hecke 1. reichlich lang und 2.

reichlich kräftig für Handarbeit war, verdrängte ich kurzerhand.

Stattdessen rüstete ich entschlossen mit der großen Astschere nach und frisierte den ersten Strauch halbwegs in Form. Dann den nächsten und so weiter.

Alter Liguster ist hart. So knochenhart, dass er früher auch "Beinholz" genannt wurde. Aber für Einsicht war es zu spät: Ich hatte längst alle Hemmschwellen überschritten. Statt zumindest in Erwägung zu ziehen, den Job einem hilfsbereiten Nachbarn, einer elektrischen Heckenschere oder am besten beiden in Kombination anzutragen, begab ich mich in den Clinch mit dem ältesten Strauch direkt am Tor. Dessen handgelenkdicke Mitte widerstand sogar der Astschere, was wiederum meinen Willen zum Sieg nur noch einmal anstachelte. Das ist ja das Erhebende an der Gartenarbeit: Ich vergaß Zeit, Raum und Steuererklärung. Im Hier und Jetzt gab es nur noch mich und diesen verdammten Liguster. Erst als ich den befremdeten Blick eines vorbeigehenden Nachbarn wahrnahm, wurde mir klar, dass ich inzwischen an der Hecke hängen musste wie Terrier Kümmel an der Beute: per Schere fest verbissen, mit ebenso verbissenem Schütteln. Nur das Knurren konnte ich mir eben noch verkneifen, bis der Passant vorbei war.

Grinsen musste ich trotzdem über dieses neue Kapitel aus: Gärtner seltsam oder wie ich lernte, den Liguster zu lieben.