Als Hauptstadt der Niederlande gerät Den Haag selten in die internationalen Schlagzeilen. Als Hauptsitz der internationalen Strafjustiz bot es diese Woche gleich zwei Paukenschläge mit politischen Folgen. Am Montag wies der Internationale Gerichtshof (IGH), das höchste Gericht der UN, eine Klage Bosniens gegen Serbien wegen Völkermordes ab, obwohl die Richter das Massaker von Srebrenica als Genozid einstuften. Keine 24 Stunden später präsentierte am anderen Ende der Stadt der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), Luis Moreno-Ocampo, die ersten Namen mutmaßlicher Kriegsverbrecher im Fall Darfur: Gegen Achmed Mohammed Harun, einen Vizeminister in Khartoum, und Ali Kosheib, einen Kommandanten der gefürchteten Dschandschawid-Milizen, wird in 51 Fällen wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt.

Das Paradoxe an beiden Fällen ist: Was für die Opfergruppen enttäuschend erscheinen muss, ist aus völkerrechtlicher Sicht ein wichtiger Erfolg. Auch wenn sich der IGH nicht imstande sah, die damalige Belgrader Regierung des Völkermords zu überführen, erkannte er zum ersten Mal in seiner Rechtsgeschichte die Mitverantwortung eines Staates für einen Genozid an. Denn das Regime in Belgrad, so die Urteilsbegründung, habe gegen die Anti-Völkermord-Konvention verstoßen, weil es das Massaker von Srebrenica nicht verhindert habe.

Das ändert zwar nichts an der bitteren Enttäuschung muslimischer Politiker, Anwälte und Angehöriger von Ermordeten, die noch immer keinen Anspruch auf Regress an Belgrad haben. Aber es setzt die derzeitige serbische Regierung massiv unter Druck, die Verantwortlichen für Srebrenica, allen voran General Ratko Mladi, an das Tribunal der UN auszuliefern.

Auch im Fall Darfur haben sich Menschenrechtsgruppen und vor allem die Vertriebenen in den Flüchtlingslagern mehr erhofft. Die höchsten Regierungsmitglieder, darunter Präsident Omar al-Bashir, bleiben vorerst unbehelligt. Gegen Harun und Kosheib wird bis auf Weiteres "nur" wegen Kriegsverbrechen, nicht aber wegen Völkermordes ermittelt.

Da das Regime in Khartoum jede Kooperation mit dem IStGH verweigert, haben die beiden vorerst wenig zu befürchten.

Natürlich wünscht man sich den juristischen Kampf gegen massenmordende Diktatoren effektiver und medienwirksamer. Weil der Internationale Strafgerichtshof das einzige ständige Gericht zur Ahndung solch schwerer Verbrechen ist, lastet auf ihm umso mehr die Erwartung, er solle als globale Justitia mit eigener Kavallerie die schlimmsten Kriegsverbrecher abgreifen, auf die Anklagebank setzen und ihren Opfern schnelle Wiedergutmachung zukommen lassen. Bloß ist die Ermittlungsarbeit des IStGH noch sehr viel mühsamer als die des Jugoslawientribunals oder des Internationalen Gerichtshofs.

Massenhafte Vertreibung und über 200000 Tote anzuprangern ist eine Sache. Sie lückenlos für eine juristische Anklage zu dokumentieren ist eine andere. 20 Monate lang haben Ocampos Ermittler im Fall Darfur recherchiert. Weil der Krieg in Darfur anhält, waren und sind Recherchen vor Ort sowohl für ICC-Mitarbeiter wie für potenzielle Zeugen zu gefährlich. Einen großen Teil der Aussagen haben Ermittler im benachbarten Tschad gesammelt: Protokolle von Hinrichtungen, Folterungen, Massenvergewaltigungen aufgenommen bei 45 Grad Hitze in erbärmlichen Flüchtlingslagern, deren Bewohner schwer traumatisiert sind und die mit Hilfe von Psychologen und Übersetzern befragt werden müssen.